Schwarzer Humor und Survival-Pläne

25. April 2005, 14:57
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Viel muss oder will gereist und geflüchtet werden in den zehn Produktionen des Wettbewerbs Europäisches Kino

Zehn aktuelle europäische Spielfilme – Debüts und zweite Arbeiten junger RegisseurInnen, allesamt österreichische Erstaufführungen – laufen im Wettbewerb Europäisches Kino um den Crossing Europe Award European Competition 2005. Der Preis wird am Samstag, 30. April um 21.00 Uhr im Festivalzentrum auf dem Mediendeck des O.K verliehen.

Ilya Khrjanovsky (Russland) zeichnet mit "4/Four" ein Schreckensbild der zerfallenden postsowjetischen Gesellschaft. Drei Menschen erfinden sich in Moskau eine andere Existenz: Eine Prostituierte gibt sich als PR-Agentin aus; ein Fleischhauer als Rechtsanwalt; und ein Klavierstimmer geriert sich als Wissenschafter – doch am Ende müssen alle wieder in ihr wirkliches Leben zurückkehren. 4 wurde auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam 2005 mit dem Tiger Award ausgezeichnet.

Ein weiterer Tiger Award-Preisträger (2004) und ein sehr spezielles Roadmovie voll schwarzem wallonischen Humor ist "Aaltra" vom belgischen Regieduo Benoît Delépin und Gustave Kervern. Ben und Gus, Nachbarn in einem belgischen Dorf, können einander nicht ausstehen, bis ihr Streit zu einem Unfall mit einer landwirtschaftlichen Maschine führt und beide an den Rollstuhl fesselt. Nun treten die beiden eine Reise nach Finnland an, um den Hersteller der Unglücksmaschine Marke "Aaltra" ausfindig zu machen.

Als großer Spielplatz erscheint Paris in "Demi-Tarif/Half Price" von Isild Le Besco (Frankreich): Von ihrer Mutter verlassen schlägt sich ein Geschwistertrio im Alter von sieben, acht und neun souverän auf eigene Faust durch. Die Kinder betteln in Fastfoodlokalen um Essen, machen bei Ladendiebstählen Beute und schaffen es sogar, vor der Schuldirektorin plausible Erklärungen für ihre fortschreitende Verwahrlosung zu finden. Schauplatz der Welturaufführung von Demi-Tarif war Cannes 2004.

"Kod amidîe idriza/Days and Hours" von Pjer Zalica (Bosnien-Herzegowina) spielt im wieder friedlichen Sarajevo. Bei Sabira und Idriz ist die Stimmung dennoch traurig. Als ihr Neffe Fuke nach einer Boilerreparatur bei dem alten Paar übernachtet, stellt sich heraus, dass die beiden ihren Sohn im Krieg verloren haben. Erst dem Neffen gelingt es, ein Ventil für die stumme Qual zu öffnen. Die Welturaufführung von Pjer Zalicas Film fand im Rahmen des Sarajevo Film Festival 2004 statt.

Auf große Reise gehen Vater und Sohn in Ismaël Ferroukhis (Frankreich) "Le grand voyage". Reda steht kurz vor seiner Aufnahmeprüfung für das Collège, als ihn sein Vater zwingt, ihn im Auto nach Mekka zu chauffieren. Eine 5.000 km lange Reise beginnt, auf der sich das ungleiche Paar anfangs nur das Notwendigste zu sagen hat. Erst mit zunehmenden Reisekilometern schrumpft die Distanz der beiden. Der Film hatte in Venedig 2004 internationale Premiere.

Alessandro und Ferdi, die Protagonisten von "Nemmeno il destino/Changing Destiny" von Daniele Gaglianone leben in einer heruntergekommenen Industriestadt, wo sie inmitten verlassener Fabriken nach einer Oase suchen. Bedrückend sind auch ihre Familienverhältnisse: Ferdis Vater kuriert seine von der Fabrikarbeit herrührende Krankheit mit Alkohol, während Alessandros Mutter gegen eine fast übermächtige Vergangenheit um ein normales Leben kämpft. "Nemmeno il destino" war neben 4 der zweite Preisträger des Internationalen Filmfestival Rotterdam.

Auch in "Netto/Net" des deutschen Regisseurs Robert Thalheim (Welturaufführung auf der Berlinale 2005) steht ein Jugendlicher im Mittelpunkt. Der 15jährige Sebastian sucht überraschend der heruntergekommenen Berliner Wohnung seines arbeitslosen Vaters Unterschlupf. Als Sebastian merkt, dass es seinem Vater an der richtigen Strategie für eine erfolgreiche Bewerbung mangelt, springt er kurzerhand als Bewerbungscoach ein. Richtig kompliziert wird die Vater-Sohn-Beziehung aber erst, als Sebastian seine Freundin Nora vorstellt.

Die von Ognjen Svilicic (Kroatien) erzählte Heimkehrergeschichte "Oprosti za Kung Fu/Sorry for Kung Fu" (Internationale Premiere auf der Berlinale 2005) zeigt das Ordnungsvakuum im ländlichen Nachkriegskroatien. Mirjana kehrt nach dem Ablaufen ihrer Aufenthaltsgenehmigung aus Deutschland in das Haus ihrer Eltern zurück, die darum ringen, wieder ein "normales" Leben zu führen. Nun stehen sie vor einer neuen Herausforderung: Für die schwangere Heimkehrerin muss ein Ehemann gefunden werden – koste es, was es wolle.

Ähnlich angelegt ist "Povratnik/Homecoming" (Internationale Premiere in Karlovy Vayry 2004) von Jovan Arsenic (Serbien-Montenegro). Hier ist es Marko, der nach fünfjähriger Abwesenheit in sein Heimatdorf zurückkehrt, um sich mit seiner ehemaligen Freundin zu versöhnen, die mittlerweile zur Dorfgemeinschaft gehört. Als er versucht, sie den Dorfbewohnern abspenstig zu machen, kommt es zum Konflikt.

Guka Omarovas (Kasachstan) Spielfilmdebüt "Shiza/Schizo" ist im Kasachstan der 1990er angesiedelt. Der 15jährige Mustafa, genannt Schizo, rekrutiert kräftige Männer für illegale Boxkämpfe. Ein sterbender Boxer, der den schweigsamen Schizo bittet, für seine junge Frau zu sorgen, setzt einen Wendepunkt in Schizos Leben. Shiza wurde beim Festival des osteuropäischen Films Cottbus 2004 prämiiert.

Die WettbewerbsjurorInnen sind der belgische Filmkurator Cis Bierinckx, die bulgarische Regisseurin Nadeja Koseva ("Lost and Found"), der deutsche Regisseur Jan Krüger (2004 mit "Unterwegs" im Wettbewerb Europäisches Kino von bei CROSSING EUROPE vertreten), der israelische Produzent Micha Shagrir (der beim Festival auch sein Projekt "Bischofstraße, Linz" vorstellt) und die bosnische Autorin, Regisseurin und Sarajevo Film Festival-Programmkuratorin Elma Tataragic. (red)

  • "Aaltra"
    foto: crossing europe

    "Aaltra"

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