"Claire Denis. Trouble Every Day" - Filmbuch

5. Mai 2005, 17:42
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Abwechslungsreich im Temperament, mit Fingerspitzengefühl bei der Stimmungsvermittlung, erfinderisch bei der Wahl der Darstellungmittel - Claire Denis ist eine der Großen im avancierten Kino der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte.

Das Österreichische Filmmuseum widmet ihr von 1. Mai an eine umfassende Retrospektive; und am Eröffnungsabend wird "Claire Denis. Trouble Every Day" präsentiert, eine umfangreiche Sammlung neuer Aufsätze namhafter Filmpublizist(inn)en zum Werk der französischen Regisseurin, ergänzt um ein Interview, herausgegeben von Michael Omasta und Isabella Reicher, publiziert bei SYNEMA - Gesellschaft für Film und Medien und erhältlich um 18 Euro im Filmmuseum, bei SYNEMA und im Buchhandel.

Aus diesem Anlass verlosen wir
drei Exemplare des Buches
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Zur Vorstellung des Konzeptes:
Das Vorwort von
"Claire Denis. Trouble Every Day"

"Claire Denis ist seit bald zwei Jahrzehnten regelmäßiger Gast bei den Filmfestivals von Cannes, Venedig und Berlin. Obwohl ihre Filme mehrfach internationale Preise erhalten haben und von Kritikern und Kritikerinnen weltweit geschätzt werden, sind diese einem größeren Publikum im deutschen Sprachraum bislang so gut wie unbekannt. Nur in Ausnahmefällen werden sie regulär herausgebracht, die meisten von ihnen finden weder in Österreich noch in Deutschland einen Verleih, und das nicht ohne Grund: Claire Denis' Filme sind eigenwillig, sie setzen sich sowohl vom klassischen Autorenfilm als auch vom Art-House-Mainstream entschieden ab und ziehen stattdessen eine ganz autonome Spur durch das zeitgenössische Kino.

Über die Jahre hat die Regisseurin ihr ästhetisches Projekt, das von der Auflösung formaler Routine und traditioneller Erzählweisen geprägt ist, unbeirrbar immer weiter entwickelt. Ihre Arbeiten verhandeln Erfahrungen des Fremdseins, konfrontieren mit der Brüchigkeit sozialer, familiärer und politischer Strukturen – allerdings belässt Denis es nicht bei der konkreten Beschreibung alltäglicher Realität, sondern hält ihre elliptischen Erzählungen vielmehr durchlässig für deren mitunter schwer fassbares Wirken.

Claire Denis' Werk umfasst bis dato neun Spiel-, drei Dokumentar- und rund ein Dutzend Kurzfilme. Dieses Buch, die erste deutschsprachige Monografie über ihre Arbeit, versteht sich als vorläufige Bestandsaufnahme. Die Beiträge von sieben internationalen Autorinnen und Autoren im ersten Teil folgen nur lose einer Werkchronologie. Vielmehr bewegen und verdichten sie sich entlang von Fragestellungen oder Motiven.

So nähern sich etwa Peter Baxter, Christine N. Brinckmann und Vrääth Öhner aus ganz unterschiedlichen Richtungen dem Verhältnis von Sehen/Zeigen und Verstehen in Denis' Filmen an: Baxter findet bereits in Chocolat, Denis' Spielfilmdebüt, eine entsprechende Schlüsselszene, die von der Inkongruenz zwischen (optischer) Wahrnehmung und Erkenntnis erzählt. Brinckmann untersucht anhand von Beau Travail den wesentlichen Anteil der Kameraarbeit am visuellen Stil der Regisseurin, der das Bild nicht primär einer Handlungsökonomie unterordnet. Öhner führt J'ai pas sommeil, in dem "das Sichtbare zum Verstehen nicht ausreicht", mit Walter Benjamins Begriff der "Innervation" zusammen.

Ralph Eue zeichnet in der Folge die "mimetische Annäherung" von Denis an Jacques Rivette nach. Jean-Luc Nancy dagegen beschreibt, ausgehend vom Motiv des Kusses, der unter die Haut geht, den Eklat des Bildes in Trouble Every Day als buchstäblichen Auf- und Ausbruch aus der Ordnung des Blicks. Ekkehard Knörers Text beschäftigt sich mit der offenen Anlage zweier kleinerer Arbeiten, die sich bereits im jeweiligen Titel (Vers Nancy beziehungsweise Vers Mathilde) andeutet. Martine Beugnet schließlich zeigt anhand von L'Intrus, an welchem Punkt das "synästhetische Kino" von Claire Denis vorläufig angekommen ist, das seine Figuren in ein "fiktionales Universum (wirft), in dem sie weniger als psychologische Gefüge agieren, denn als Körper im chemischen Sinn, die mit vertrauten oder fremden Umgebungen reagieren".

In der Mitte des Buches kommt die Filmemacherin selbst ausführlich zu Wort. Im Anschluss daran beginnt der Apparat mit dem Verweis auf einige langjährige Weggefährten, der überleitet zur kommentierten Filmografie, die erstmals auch das weit verstreute Kurzfilmschaffen der Regisseurin – frühe Dokumentationen, Fernseharbeiten, Kurzspielfilme und Videos – genauer berücksichtigt. Ein kurzer biografischer Abriss und eine Auswahlbibliografie beschließen den Band.

Claire Denis. Trouble Every Day fächert ein Oeuvre auf, dessen Vielfalt und Komplexität erst jetzt, Schicht um Schicht, überhaupt zum Vorschein kommt. Es ist ein Rückblick, der vor allem den Blick voraus schärfen soll: auf ein ungemein lebendiges, noch mitten im Entstehen begriffenes filmisches Werk, das kontinuierlich weiter anwächst und auch in Hinkunft gleichermaßen faszinierend wie unberechenbar zu bleiben verspricht.
Michael Omasta (SYNEMA) /Isabella Reicher (DER STANDARD)

  • Artikelbild
    foto: synema
  • "Beau Travail"
    foto: filmmuseum

    "Beau Travail"

  • "Trouble everyday"
    foto: filmmuseum

    "Trouble everyday"

  • "Vers Mathilde"
    foto: filmmuseum

    "Vers Mathilde"

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