"Wir wollen beide Nummer eins werden"

2. Mai 2005, 12:43
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Wiener Städtische und Erste Bank kooperieren schon seit längerem - Wie das funktioniert, erzählen Ver­sicherungs­chef Geyer und Bankchef Treichl im STANDARD-Interview

STANDARD: Die Generali Versicherung sucht dringend einen Bankpartner, Wiener Städtische und Erste Bank arbeiten seit rund zwei Jahren eng zusammen. Warum gerade Sie?

Geyer: Die Erste war auf der Suche nach dem besten Versicherer im Lande, die Städtische auf der Suche nach der besten Bank. So einfach war das. Heute kooperieren wir in Österreich, Tschechien, Kroatien und der Slowakei.

Treichl: Man braucht sich ja nur die Netze der Städtischen und der Erste-Sparkassen-Gruppe anschauen: Wir haben in allen drei Märkten mit Abstand die beste Partnerschaft.

STANDARD: Die Städtische hatte eine traditionelle rot-rote Zusammenarbeit mit der Bank Austria Creditanstalt. Warum die Scheidung?

Geyer: Das hat nichts mit Tradition zu tun. Wir waren der stärkste Versicherer, haben den stärksten Partner gesucht und gefunden. Und ich habe noch keine Bilanz gesehen, die Farben trägt, im parteipolitischen Sinn.

Das ist alles kein Thema mehr in Europa, ich kenne auch keinen Slowaken oder Tschechen, den interessiert, wen Herr Treichl oder Herr Geyer wählt. Es kommt auf Leistung, Erfolg, Handschlagqualität an. Die historische Interpretation einiger weniger hat keine Aussagekraft.

STANDARD: Sie lehnen die kapitalmäßige Verschränkung der Unternehmen ab. Bindungsängste?

Geyer: Wir führen eine Lebensgemeinschaft mit Gütertrennung. Die Erste bietet Veranlagungen an, wir Versicherungen - und die Mitarbeiter vermitteln einander die Kunden.

Treichl: Das Projekt Banque-Assurance, das Zusammengehen von Banken und Versicherungen, macht aus Kundensicht sehr viel Sinn. Auf der Produktionsseite wesentlich weniger: Versicherungs- und Bankgeschäft sind zwei völlig unterschiedliche Geschäfte. Bei solchen Finanzkonglomeraten sieht man das immer wieder: Es geht nur eine Sparte gut.

Entweder ist es eine gute Versicherung mit einem mittelmäßigen Bankgeschäft oder eine gute Bank mit mittelmäßiger Versicherung. Daher glaube ich auch nicht an die sinnhafte Verbindung der beiden. Wenn man, wie wir, eine Kooperationsbasis findet, und der Kunde bekommt von beiden das beste Angebot, ist es ideal. Bei uns funktioniert das.

STANDARD: Die Erste warnt oft vor feindlichen Übernahmen. Könnte Ihnen eine Aktionärin Städtische nicht einmal gerade recht kommen?

Treichl: Das wären ganz andere, nämlich strategische Überlegungen. Aus Verteidigungsgründen könnte man einen engen Geschäftspartner um Unterstützung bitten, so etwas schließe ich nicht aus. Aber prinzipiell wird die Städtische nicht dafür gekauft, dass sie Bankbeteiligungen hält, und wir nicht dafür, dass wir Versicherungsbeteiligungen halten.

STANDARD: Sie beide wirken ja recht unterschiedlich, wie passen Sie zusammen?

Geyer: Es ist bei so einer Partnerschaft nicht das Um und Auf, dass sich die Generaldirektoren gut verstehen; wichtig sind die Leute an der Basis. Wir beide haben anspruchsvolle Ziele, denken sehr ähnlich: Wir beide wollen in allen Ländern, in denen wir arbeiten, mittelfristig ganz vorne liegen, Nummer eins sein. Unsere Mitarbeiter tragen das mit.

Treichl: Jetzt schauen Sie ungläubig.

STANDARD: Klingt eben zu gut, um wahr zu sein.

Treichl: Stimmt aber trotzdem. Wir zwei haben zwar ein gutes Beispiel gegeben - aber der Funke auf die Mitarbeiter ist extrem schnell übergesprungen. Das ist wirklich wichtig.

STANDARD: War das mit der Bank Austria Creditanstalt anders?

Geyer: Ich kann das sehr offen sagen: Als wir unseren Mitarbeitern die Kooperation mit der Ersten vorgestellt haben, war ihre Reaktion: Warum nicht schon vor zehn Jahren?

Treichl: Es ist bei uns aber auch leichter als bei anderen großen Finanzgruppen in Österreich: Wir sind einfacher gestrickt. Die Städtische macht Versicherungen, wir Bankdienstleistung. Wir haben keine anderen Interessen, keine politischen, medialen, industriellen.

Niemand ruft uns von der Seite rein und stört uns, weil er Ziele zu verfolgen wünscht, die nichts mit dem Geschäft zu tun haben. Wir freuen uns, wenn die Städtische erfolgreich ist und profitieren davon. Umgekehrt ist es genauso.

Geyer: Wir konzentrieren uns aufs Kerngeschäft Versicherung, haben fast alle Beteiligungen weggegeben. Auch wir müssen also auf nichts Rücksicht nehmen, bei allen anderen Versicherern ist das anders.

STANDARD: Die Städtische hat ihre letzten HypoVereinsbank-Aktien verkauft. Kostenpunkt?

Geyer: Die Fehlentscheidung, die Bank in die HVB einzubringen, hat uns in Summe rund 360 Mio. Euro gekostet. Aber schauen Sie, wie wir dastehen: sauber, geputzt, gereinigt.

STANDARD: Was wollen Sie im Duett erreichen?

Treichl: Das Schönste wäre, wenn wir in Österreich, Tschechien, Slowakei, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Ukraine, Polen, Russland die Nummer eins werden.

Geyer: Außerdem prüfen wir Möglichkeiten zum Kostensparen, etwa durch gemeinsamen Einkauf, gemeinsame Infrastruktur. Da ist sehr viel Geld drin.

STANDARD: Ihre Werbeplakate hängen nebeneinander am Stephansdom - werben Sie künftig gemeinsam? Etwa auf der Basilika in Mariazell?

Geyer: Das wird Raiffeisen nicht zulassen. Da kaufen sie vorher die Basilika. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.04.2005)

Das Gespräch führte Renate Graber

Zur Person

Günter Geyer (62) ist Chef der Wiener Städtischen, die ein Prämienvolumen von 4,5 Mrd. Euro hat. Ein Drittel des Ergebnisses kommt aus Osteuropa.

Andreas Treichl (53) ist Chef der Erste Bank. Nettogewinn: rund 544 Mio. Euro. 60 Prozent stammen aus dem Osten.

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Wiener Städtische

Erste Bank
  • Ein ungleiches Paar, geeint vom gleichen Ziel: Städtische-Chef Günter Geyer (li.) und Erste-Chef Andreas Treichl kooperieren eng, eine Kapitalverschränkung lehnen sie aber ab.
    foto: der standard/matthias cremer

    Ein ungleiches Paar, geeint vom gleichen Ziel: Städtische-Chef Günter Geyer (li.) und Erste-Chef Andreas Treichl kooperieren eng, eine Kapitalverschränkung lehnen sie aber ab.

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