Doppel-Patron für Renault und Nissan

9. Mai 2005, 13:22
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Der Nissan-Sanierer und japanische Volksheld "Super Carlos" Ghosn übernimmt nun auch bei seinem Mutterkonzern das Ruder

Es kommt vor, dass Rockstars als Comicshelden verewigt werden. Carlos Ghosn (Aussprache: gonn) dürfte der erste Konzernchef sein, dem diese Ehre zuteil wird. Und wie alles bei "Super Carlos" wurde das in Japan erschienene Album ein Großerfolg.

Samurai Seven-Eleven

Der erst 51-jährige Nissan-Chef mit dem Status eines Volkshelden hat in Japan noch ganz andere Spitznamen: "Samurai" und "Seven-Eleven" - weil er von sieben Uhr morgens bis um 23 Uhr im Büro arbeitet.

"Im Automarkt kann man nicht schlafen", meinte der Franko-Libanese beim letzten Autosalon in Paris in perfektem Englisch. "Da muss man jeden Tag kämpfen, nicht nur jeden Monat, denn die Konkurrenz gibt keinen Zentimeter Boden preis."

Dabei wirkt Ghosn locker, ja überaus charmant, wenn er auswendig mit siebenstelligen Zahlen jongliert. Nur das nervöse Münzenklimpern in der Hosentasche verrät seine Spannung: "Man muss das Unternehmen unter Dauerstress halten."

Fallstudie des Erfolgs

Was das konkret heißt, haben die Japaner 1999 erfahren, als Renault fünf Mrd. Euro in die marode Nissan investierte und Ghosn, damals Vize von Renault-Chef Louis Schweitzer, nach Tokio schickte. Ghosn griff gnadenlos durch: Fünf Nissan-Fabriken schloss er, 21000 Angestellte baute er ab.

Der "Kostenkiller" zog die 44-prozentige Renault-Tochter nicht nur aus dem Dreck, sondern machte sie in sechs Jahren zu einem der rentabelsten Autounternehmen überhaupt. Kurz: eine Erfolgsstory aus der Businessschule.

Aber die Geschichte ist nicht zu Ende. Ghosn zog es seit Langem ins Mutterhaus zurück - und dort an die Spitze. Am Freitag wird er den zwölf Jahre amtierenden Schweitzer ablösen. Ungeduldig hatte er im Dezember erste Vorboten geschickt: In Paris mussten bereits vier der sechs Direktoren jüngeren Ghosn-Managern Platz zu machen.

Bei Renault klappern die Zähne

Am Firmensitz in Paris "hört man die Zähne klappern, wenn man durch die Gänge geht", erzählt ein externer Firmenberater. An den Fließbändern lesen die Arbeiter mit mulmigem Gefühl Seite 164 des früheren Ghosn-Buches "Weltbürger": Dort schreibt er, er hätte 1997 nicht nur eine Renault-Fabrik geschlossen, sondern zwei.

"Die Wahrheit kann brutal sein, nicht deren Enthüllung", lehrte Ghosn vor Kurzem in der Le Monde. Das ist ein weiterer Vorbote seiner Methode: klare Ziele in Zahlen abstecken und bei Misserfolg persönlich die Konsequenzen ziehen.

Weder Zahlenreiter noch Tyrann

Doch Ghosn ist weder sturer Zahlenreiter noch eiskalter Tyrann. Im Libanon von den Jesuiten geformt, lernte der junge Manager bei Michelin mit den nicht immer rationellen Abläufen französischer Firmen umzugehen.

Sich selbst als "multikulturellen Nomaden" bezeichnend, lernte er 1999 zu seinen sechs Sprachen noch Japanisch und ließ sich bei Nissan von Kultur und Religion des Gastlandes inspirieren - gleichzeitig durchbrach er die traditionelle Konzernstruktur.

Schwierige Aufgaben

Bei Renault dürfte Ghosn nicht so leichte Hand haben. Entsprechend vorsichtig ist er mit seinen Zielvorgaben. Renaults neuer Trumpf ist zwar das 5000-Euro-Fahrzeug Logan auf der Grundlage der rumänischen Dacia.

Renault geht es heute zwar besser als vielen europäischen Automarken, aber Schwachstellen bestehen fort. Ghosn muss ferner entscheiden, ob Renault einen neuen Anlauf in den wichtigsten Automarkt, die USA, unternehmen soll. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.04.2005)

Stefan Brändle aus Paris

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    Ein "Samurai" und "Kosten-killer" kehrt von Helden-taten aus Japan heim: Carlos Ghosn bleibt Chef bei Nissan und wird künftig auch Renault leiten.

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