Parallelwelt Islam

9. Mai 2005, 18:58
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Ein Kommentar von Eva Linsinger

Kopftuch und Gotteskrieger: Innerhalb dieser engen Vorurteilsebenen bewegt sich das Bild, das die meisten Österreicher vom Islam haben. Spätestens seit den Terroranschlägen in den USA und in Spanien wird Islam oft mit Terrorismus gleichgesetzt (und umgekehrt) - und mit Begrifflichkeiten aus dem Geheimdienstjargon wie "Schläfer" der Eindruck erweckt, in jedem Muslim schlummere ein Terrorist.

Gerade angesichts dieser Vorurteilskulisse war es wichtig, dass sich islamische Geistliche, Theologinnen und Vereinsangehörige entschlossen haben, mit ihrer ersten österreichischen Imame-Konferenz vor den Vorhang zu treten. Immerhin wächst die Zahl der Muslime ständig, in Wien sind sie seit Jahren die zweitstärkste Religionsgemeinschaft. Mit ihrer Konferenz vom Sonntag haben sie ein kraftvolles Lebenszeichen gegeben - und deutliche Signale gesetzt: Bekenntnisse wie die zur Demokratie, zur Gleichstellung der Frauen und zum Kampf gegen Extremismus sind Belege dafür, dass Imame ein Leben in einer radikalisierten Parallelgesellschaft ablehnen.

Natürlich: Verbale Erklärungen sind zu wenig, gerade deshalb, weil Zwangsheiraten, Frauenunterdrückung und Radikalismus auch ein Teil der Realität muslimischen Lebens in Österreich sind. Dennoch ist die Erklärung der Imame, der geistigen Führer, ein wichtiger Schritt, der das Idealbild des Islam in Österreich zeichnet. Nun liegt es auch an den Politikern, dem Idealbild nicht ein Zerrbild entgegenzusetzen - und etwa in der Debatte um den EU-Beitritt der mehrheitlich muslimischen Türkei nicht auf dumpfe Islamfeindlichkeit zu setzen. Denn die Absage an die Parallelgesellschaft, der sich die Imame Sonntag verschrieben haben, braucht auch ein Gegenüber: eine Gesellschaft, die Integration zulässt - und nicht verhindert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. April 2005)

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