Amoklauf als Soundtrack-Kunst

24. April 2005, 20:04
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Steroid Maximus live beim Donaufestival

Krems - Glaube versetzt Berge. Und der Größenwahn hilft mit. Der Australier J. G. Thirlwell machte vor allem in den 80er-Jahren keine Gefangenen, wenn es darum ging, der Kunst den gewissen Mehrwert an Mehr zu verleihen.

Mit einem sich ausschließlich aus sich selbst speisenden Furor produzierte und produziert Thirlwell bis heute von New York aus einige der extremsten Ausformungen von Musik in der Todeszone zwischen testosteronhaltigem Saubartl-Rock, brutaler Sample-Kunst und kranken Big-Band-Sounds aus imaginären Gangster-, Blaxploitation-, Zombies-unter-Palmen- und Jungfrauen-bei-den-Kannibalen-Machwerken.

Mit Gebrüll

Ohne seine unter wechselnden Pseudonymen wie Scraping Foetus Off The Wheel, Foetus Inc. oder Wiseblood auf Alben wie Hole, Nail oder Dirtdish dokumentierten Gewalttaten wären heute weder die lächerlichen Rammstein noch Nine Inch Nails oder Marilyn Manson vorstellbar. Kurz, wenn es darum geht, fehlgeleitete männliche Energien als kontrollierten Amoklauf mit Gebrüll zu kanalisieren (Songtitel: "Private War", "Throne Of Agony", "Lust For Death"), dann muss dieser Mann als Weltmeister gelten.

Nach einem ihm in den 90er-Jahren beinahe das Leben kostenden pharmazeutischen Hobby hat sich Thirlwell mit neueren Projekten wie Steroid Maximus zunehmend Richtung instrumentaler Soundscapes bewegt.

Bei der Live-Weltpremiere seines Albums Ectopia aus 2002 beim Donaufestival in Krems dirigierte der kleine ausgemergelte Mann jetzt eine auch aus österreichischen Musikern bestehende Big Band durch diese Gesellenarbeit im Fach "Filme im Kopf". Und der ähnlich begeisternd wie James Last dirigierende Thirlwell hat hier trotz erheblicher Taktschwächen und Lustlosigkeit der drei Hand voll Musiker nur bei den Großen genommen: Shaft, Fahrstuhl zum Schafott, The Man With The Golden Arm . . . Es fehlt bei den in sich oft recht gleichförmigen Stücken aber doch sehr stark die melodische Inspiration.

Soundtracks sind dazu gedacht, den Film zu unterstützen. Ein guter Soundtrack fällt beim Sehen nicht auf. Blöd, wenn der Film zur Musik fehlt. Steroid Maximus live ist eine gute Idee. Dass sie in der Umsetzung klingt wie das Abschlusskonzert einer niederösterreichischen Musikschule in New York, ist eher schlecht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.4.2005)

Von Christian Schachinger
  • J. G. Thirlwell, der große alte Mann des Industrial-Rock, gastierte beim Donaufestival in Krems als Dirigent.
    foto: donaufestival

    J. G. Thirlwell, der große alte Mann des Industrial-Rock, gastierte beim Donaufestival in Krems als Dirigent.

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