Die Ausbeuter mit Herz

3. Mai 2005, 13:11
1 Posting

Grenzgängertum zwischen den Genres und politische Landvermessungen auf dem Dokumentarfilm- Festival von Nyon

Vom Regionalen zum Globalen, vom Detail zum Gesamtbild: "Visions du réel", das Dokumentarfilmfestival von Nyon, präsentierte politische Landvermessungen und Grenzgängertum zwischen den Genres.


Mit dem Zug sind es gerade mal zehn Minuten von Genf nach Nyon, aber der Kontrast könnte kaum größer sein. Die umtriebige Stadt dient als Sitz internationaler Organisationen, während das Dorf ein eher verschlafener Ferienort ist. Einmal im Jahr aber beschäftigen Stadt und Dorf ähnliche Themen, freilich mit unterschiedlicher Interessenspolitik. Es ist die Woche der "Visions du réel" - des Dokumentarfilmfestivals der romanischen Schweiz.

Der nachhaltige Blick auf regionale Konflikte verband in diesem Jahr gleich mehrere Filme, die sich auf politische Fragen einließen. Um Aufstand und Intervention gegen ökonomische Prozesse geht es etwa in Un dragon dans les eaux pures du caucase von Nino Kirtadzé und in The North Star von Erkko Lyytinen, die beide mit Preisen bedacht wurden: Kirtadzé widmet sich den Bewohnern eines georgischen Dorfes, die sich gegen den Bau einer Pipeline zur Wehr setzen, während Lyytinen den Funktionären einer Firma für Bahnwagons auf ihren Lobby-Touren folgt.

In ihrer Mentalität grundverschieden - die Georgier streiten an jeder Straßenecke, die Finnen beschränken sich auf lakonische Verhandlungen -, wird in beiden Filmen ersichtlich, dass ohne Fürsprecher kaum etwas durchzusetzen ist. Diese Rolle fällt den Filmemachern zu, nicht zuletzt, indem sie Öffentlichkeit gewähren.

Kirtadzé folgt in der Tradition des Direct Cinema den Dorfbewohnern und zeigt, wie diese zwar raffiniert die Preise ihrer Grundstücke zu erhöhen versuchen, letztlich aber an der Tatsache scheitern, dass sich Politik und Unternehmen längst über ihre Köpfe hinweg geeinigt haben. Die Finnen sind als direkte Verhandler in der besseren Situation. Sie überreichen mit desperater Miene Saunatücher an Minister - und werden tatsächlich mit einem Auftrag belohnt.

Unmögliche Blicke

Vom Detailbild eines Geckos zum gesellschaftlichen Gesamtbild zu gelangen gelingt dem niederländischen Regisseur Leonard Retel Helmrich in Stand van de Maan, der eindringlichen Fortsetzung seines Langzeitprojekts über Indonesien. Nach den politischen Reformen, die in den früheren Arbeiten im Mittelpunkt standen, verweilt Helmrich nun eher im familiären Bereich.

Helmrich verknüpft die privaten Unruhen dreier Personen jedoch stets mit einem umfassenderen Ausschnitt des Landes. Mit einem unverwechselbaren Stil: Die Kamera hält kaum still, sondern bewegt sich unentwegt auf Dinge wie Menschen zu, entfernt sich wieder und verbindet, teils mittels unmöglicher Perspektiven, Persönliches mit Politischem, Faktisches mit Imaginärem. Die Lage Indonesiens erscheint prekär, der Niedergang schleichend. Doch Stand van de Maan bleibt ein optimistischer, streckenweise komischer Film.

Privates mit Politischem zu verschränken versuchen auch Elke Groen und Ina Ivanceanu mit Bunica, dem einzig heimischen Beitrag im internationalen Wettbewerb: Das Porträt der 83-jährigen Ana Ionescu, der resoluten Großmutter von Ivanceanu, wird ständig um Figuren erweitert, die mit ihr in Verbindung stehen. Die alte Dame, die zur Zeit Ceau¸cescus ihre bürgerliche Herkunft verleugnen musste, ist aber derart wortgewaltig, dass sie alle anderen in den Schatten stellt. Wodurch das Konzept des Films, über das Porträt einer Zeitzeugin hinauszugehen, mit der Zeit etwas unharmonisch erscheint.

Neben Premieren gibt es in Nyon mit den Ateliers, den Werkstattgesprächen, auch Gelegenheit, die Werke hervorgehobener Autoren besser kennen zu lernen: Dieses Jahr waren das Nicolas Philibert (Etre et avoir) und der Thailänder Apichatpong Weerasethakul. Letzterer, der mit 34 Jahren auf ein umfangreiches Werk verweisen kann, zeigte auf, wie weit man den ohnehin vagen Begriff eines "Kinos des Realen" offen halten kann.

Weerasethakul gilt durch Spielfilme wie Blissfully Yours und Tropical Malady als Ausnahmeerscheinung im Weltkino. Die Doku-Soap Haunted Houses, in der er Dorfbewohner eine TV-Serie nachstellen lässt, oder auch Mysterious Object at Noon, wo nach Art eines surrealistischen Spiels eine Figur nach der anderen die Handlung weiterspinnt, weisen ihn als konzeptuellen Filmemacher aus, der populäre, folkloristische oder auch mythische Motive zu kollektiven Erzählungen formt. "Exploitation with heart", Ausbeutung mit Herz, nannte er das: ein schöner Begriff für das Dokumentarische.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.4.2005)

Dominik Kamalzadeh aus Nyon

Link

visionsdureel.ch

  • Ein indonesisches Mädchen und ihr Griff in eine ungewisse Zukunft: Leonard Retel Helmrich erweitert in "Stand van de Maan" ein Familienbild zum Gesellschaftsporträt.
    foto: festival nyon

    Ein indonesisches Mädchen und ihr Griff in eine ungewisse Zukunft: Leonard Retel Helmrich erweitert in "Stand van de Maan" ein Familienbild zum Gesellschaftsporträt.

Share if you care.