Liedhaftes Abtasten des Schaurigen

2. Mai 2005, 16:46
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Daniel Barenboim zweimal im Musikverein

Wien - Zieht man ein Schubert-Lied heran, das exemplarisch für die Winterreise-Kunst von Thomas Quasthoff steht, dann bietet sich Auf dem Flusse an. Quasthoffs Stimme - ein Medium des singenden Erzählens: in allen Lagen wirksam strahlend, bei Bedarf dramatisch aufbrausend und im Poetischen nicht nur von Schönklang dominiert, vielmehr umhüllt von einer Farbe des Schaurigen.

Der Anteil von Daniel Barenboim am Klavier ist dabei nicht zu unterschätzen und alles andere als nur begleitend. Bei "wie still bist du geworden . . ." führt er Quasthoff in Bereiche der angehaltenen Zeit, wodurch die Gequältheit des erzählenden Individuums erst unmittelbar erfahrbar wird. Mehr Dialogkunst ist nicht vorstellbar: Oft scheint Barenboim den Gesang mit pianistischen Mitteln fortzusetzen, dann wieder ist er ein deutlicher Kontrapunkt. An anderer Stelle entwirft er erst jene Stimmungen, die Quasthoffs Timbre voll zur Geltung kommen lassen.

So weit wie der Brite Ian Bostridge, dessen Winterreise schon ins rein Erzählerische kippt, geht der deutsche Bariton nicht. Da ist er näher an Matthias Goerne. Allerdings wird das Material der Magie der Stimme nicht geopfert, vielmehr kommt es durch die Kopplung des Schaurigen mit dem Schönklang zu einer Ambivalenz, die dem Ausdruck eines zerstörten Traumes erst entstehen lässt.

Gedrosseltes Tempo

Als Dirigent wird Daniel Barenboim auch kein ganz anderer Musiker - sein Konzept der effektvoll organisierten Emotionen wird tags darauf auch bei Beethoven offensichtlich. Auch bei der Eroica drosselt er im zweiten Satz das Tempo deutlich, um Tiefe zu erreichen und später umso effektvoller in das Gegenteil zu verfallen und aufzutrumpfen. In Summe ist sein Beethoven, mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein vermittelt, ein opulenter, romantisch veranlagter Strukturalist. Dass man manches an geforderten instrumentalen Hervorhebungen nicht hört, sondern nur als fordernde Dirigiergeste sieht, ist der Preis, der für diesen Zugang zu zahlen ist.

Immerhin, bei Pierre Boulez war durchaus Transparenz zugegen. Zunächst das dynamisch transportierte Messagesquisse für sieben Celli, dann die Notations I, III, IV, VII und II: Das riesige philharmonische Aufgebot changierte zwischen elegischen Schichten, wuchtigen perkussiven Donnerschlägen und schnittigen Linien ohne die befürchtete Zaghaftigkeit und Beiläufigkeit.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.4.2005)

Von Ljubisa Tosic
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