Kugelschreiber als Perspektive

3. Mai 2005, 15:18
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Österreichs ÖTV-Damen gefielen im Fed-Cup-Duell gegen Frankreich, müssen nach einem 1:4 aber in die Relegation

Pörtschach - "In ein paar Jahren", sagte Barbara Schett, die, wie Patricia Wartusch auch, für die Verdienste ums österreichische Damentennis mit Präsidentenbusserln, Blumen, Schokolade und einem tollen Kugelschreiber (kann man immer brauchen) verwöhnt wurde, "schaut alles anders aus".

Tamira Paszek, die 14-Jährige aus Dornbirn, hatte eben, es war der Sonntag in Pörtschach, den ersten Satz gegen Nathalie Dechy, der 15. der Weltrangliste, nach einer 5:2-Führung mit 6:7 verloren. Schett scherzte, die kleine Tamira werde das Ding schon schaukeln. In ein paar Jahren vielleicht, meinte sie inoffiziell. Diesmal gab es ein 2:6, Frankreich stellte auf 3:1 (Endstand 4:1) und schlug das kleine Österreich im großen Fed Cup. Da mit einer Sensation nicht einmal geliebäugelt wurde, hielt sich der Gram in Grenzen. Im Juli geht es um den Verbleib in der Weltgruppe I, die II wäre kein Beinbruch, da würde man den 16 besten Nationen angehören.

Captain Alfred Tesar zählt zur Spezies der tief stapelnden Realisten. Angesichts der gegnerischen Übermacht - Amélie Mauresmo, Dechy, Mary Pierce und Virginie Razzano sind in den Top 36 gebündelt - ist das kein vorauseilender Pessimismus oder Gehorsam. "Nicht einmal ein Punkt war realistisch", sagte Tesar. "Also haben wir uns toll verkauft, ein schönes Gesicht gezeigt. Die Perspektiven sind gut."

Das heimische Tennisteam hat die Gabe zu überraschen, so wurden einst die USA zweimal gedemütigt. Das liegt auch an Tesar, der Erwartungen nicht sinnlos wachsen lässt, sie im konkreten Fall quasi im Wörthersee versenkt hat. "Um den Mädchen den Druck zu nehmen, sie aufzubauen."

Die 21-jährige Yvonne Meusburger, wie Paszek aus Dornbirn stammend, ist in Pörtschach um ein großes Stück gewachsen. Noch nie hatte sie gegen eine Spielerin aus den Top 70 gewonnen, sie selbst ist die Nummer 131, am Samstag passierte dann ein 7:6, 6:2 gegen Dechy. Die Französin meinte: "Tennis ist nicht Mathematik. Sie war besser."

Ein Festtag Meusburger war gerührt. Über ihre eigene Leistung, über die Hilfe und Zuneigung des gesamten Teams, über den Beleg dafür, "dass ich es schaffen kann. Jeder Tag, an dem ich Tennis spielen darf, ist für mich ein Festtag. Und im Fed Cup ist es noch mehr." Meusburger hat Wartusch als Trainerin verpflichtet, beide gehen davon aus, dass diese Partnerschaft eine lohnende sein wird. Wartusch: "Yvonne ist ein geduldiger, ehrgeiziger, liebenswerter, direkter Mensch." Am Sonntag verlor Meusburger in aller Direktheit gegen Razzano 3:6, 6:7. Mauresmo schaute wieder nur zu, angeblich litt sie an einer Bauchmuskelzerrung, möglicherweise war ihr die Aufgabe aber auch nur zu minder.

Paszek hatte von einer Partie gegen Mauresmo geträumt. Es ist nicht einmal ein Gerücht, dass sich die Französin gefürchtet und deshalb gedrückt hat. Tamira hat es trotzdem genossen. Nicht das Match gegen Razzano (3:6, 3:6), da habe sie "letztklassig" serviert. Gegen Dechy "war es toll, da habe ich gekämpft". Ein Urteil über einen Teenager, der erst einmal die Pubertät zu meistern hat, ist unzulässig, tennisspezifisch muss aber die Rückhand sehr gelobt werden. Die fetzt, vermag Druck zu erzeugen. Der Aufschlag kommt, wenn er kommt, die Vorhand ist verbesserungswürdig. Ihr Spiel unterliegt Schwankungen, die entscheidenden Punkte machten die Erwachsenen, Routine und Obst müssen reifen. Das Umfeld scheint intakt zu sein, Vater Mohamed unterstützt den Ehrgeiz seiner Tochter.

Tamira hat am Sonntag geweint. "Obwohl es ein Traum war." Aber Niederlagen schmerzen, egal wann und gegen wen. In ein paar Jahren wolle sie wieder heulen. "Vor Freude." Und dann ist auch der Kugelschreiber nicht mehr weit. (Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 25.5. 2005)

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    Die Vorarlbergerin Yvonne Meusburger holte den einzigen Punkt für Österreichs Team.

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