Fenster in die Vergangenheit

29. April 2005, 12:32
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Melania Mazzucco auf den Spuren ihrer ausgewanderten Vorfahren

Ohne Geld, mit Lumpen bekleidet, der Sprache nicht mächtig landen zwei Kinder mutterseelenallein 1903 in New York. Sie werden 1903 aufs Schiff nach Amerika gebracht, weil in der alten Heimat Sizilien die Kinder schlicht verhungern. Die Mutter bleibt in dem bitterarmen Dorf Tufo zurück und hofft, dass die beiden im gelobten Land zu Geld und Ansehen kommen werden.

Es sind die Vorfahren der Autorin, denen sie auf der Spur ist. Mazzucco hatte sich nicht besonders für ihre Familiengeschichte interessiert, bis die betagten Verwandten gestorben sind und als Auskunftspersonen nicht mehr zur Verfügung standen. So stöbert sie in alten Akten und Taufbüchern, besucht New York, durchsucht die Hinterlassenschaft ihres Vaters nach Briefen von damals und sucht nach Zeugnissen von dem elfjährigen Buben Diamante und seiner neunjährigen Schwester Vita. Es ist eine unpathetische Mischung aus Fiktion und Dokumentation, aus Autobiografie, nicht verifizierbaren Familienlegenden und Zeitgeschichte, nicht ungeheuer sprachgewaltig, aber lesenswert. Vor allem deshalb, weil sich an der Situation von Flüchtlingen nicht viel geändert hat.

Mazzucco zitiert aus zeitgenössischen Leserbriefen an New Yorker Zeitungen, und die klingen bedrückend aktuell. Das süditalienische Gesindel, das noch hinter den Schwarzen rangiert, braucht man nicht, es gibt ohnehin genug Arbeitslose, und außerdem ist die organisierte Kriminalität der Einwanderer ein Schandfleck für die ehrbaren Bürger. So déjà-vu-mäßig klingt das, und vieles andere kommt einem auch bekannt vor. Vita wird daran gehindert, in die Schule zu gehen und die Sprache zu lernen. Ihr Vater hält das nicht für nötig: Die Abschottung in den Slums perpetuiert das Elend. Diamante, der Großvater der Erzählerin, wird brutal ausgebeutet. Als er schließlich beim Eisenbahnbau landet, sind seine Überlebenschancen nicht groß. Die Railroad Company weigert sich sogar, bei Arbeitsunfällen eine Entschädigung zu zahlen. Wer sich Anwälte leisten kann, hat immer Recht. Mazzucco zitiert aus den historischen Quellen, eine bedrückende Litanei von furchtbaren Schicksalen, in jeweils drei Zeilen zusammengefasst. Es sind diese Fenster in eine nicht so ferne Vergangenheit (und die Parallelen zur Gegenwart), die den Roman lebendig machen.

Mazzucco zeigt, dass man gleichzeitig Wurzeln suchen und sich von der Last der Vergangenheit befreien kann, selbst wenn man die Einzige ist, die sich noch erinnert. "Nach mir ist keiner mehr geboren worden - ich bin das letzte Glied in der Kette, mit mir wird auch unser Name verschwinden, mit mir werden alle, die aus dem Nichts gekommen sind, wieder im Nichts verschwinden." (DER STANDARD, Printausgabe vom 23./24.4.2005)

Von Ingeborg Sperl
  • Melania G. Mazzucco Vita Deutsch von Karin Fleischanderl. 
€ 22,90/541 Seiten. Knaus, München 2005.
    foto: buchcover

    Melania G. Mazzucco
    Vita
    Deutsch von Karin Fleischanderl. € 22,90/541 Seiten. Knaus, München 2005.

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