Und du bist pott- hässlich

22. April 2005, 19:50
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Nach Jahren der absoluten Funkstille zwischen den Geschlechtern haben wir nicht die geringste Ahnung, worüber wir uns unterhalten könnten. Eine Erzählung über Mädchen - Von Margit Schreiner

Wir sind gerade vierzehn geworden und wir gehen einkaufen und sehen plötzlich einen Siebzehnjährigen mit langen, schwarzen Wimpern, die er vor uns senkt, sodass Schatten auf seine schmalen Wangen fallen. Wir sehen Sechzehnjährige mit blonden Prachtlocken, die ihre Haare auf eine Weise schütteln, dass es uns eiskalt den Rücken hinunterläuft. Im Schwimmbad laufen auf einmal männliche Wesen herum, die haben lange Haare und so traurige Augen, als ob sie darauf warteten, dass ein einfühlsames Mädchen sie anspricht. Oder ein Achtzehnjähriger lächelt plötzlich in der Straßenbahn. Auf einmal spricht sogar ein älterer Schulkollege in der großen Pause mit uns. Die Schwierigkeit ist nur, dass wir nach all den Jahren der absoluten Funkstille zwischen den Geschlechtern nicht die geringste Ahnung haben, worüber wir uns nun eigentlich unterhalten könnten. Es kommt nach knappen Fragen und ebenso knappen Antworten zu peinlichem Schweigen. Wir wissen nicht, wohin wir schauen sollen und was wir mit unseren Armen tun sollen, während wir ihm gegenüberstehen. Meistens verschränken wir sie auf dem Rücken. Das alles kommt uns höchst merkwürdig vor. Da haben wir nun ein oder zwei Jahre lang, wann immer es uns möglich war, Filme gesehen, in denen sich Paare an einem See oder auf einem Berg, in einer Disco oder an einem Meeresstrand unsterblich ineinander verlieben, und wir haben keine Ahnung, wie das geschehen ist. All das schien immer irgendwie von selbst gegangen zu sein.

In der Wirklichkeit aber, das wird uns bald klar, geschieht gar nichts von selbst: Ein Lächeln - und nachdem du dich umgedreht hast, um dich zu versichern, ob das Lächeln nicht irgendeinem wunderschönen Mädchen mit hüftlangen, schwarzen Haaren gegolten hatte, das hinter dir stand, und der Betreffende war schon aus der Straßenbahn ausgestiegen, lange Wimpern und ein trauriger Blick, und kaum hast du überlegt, auf welche Weise du ein Gespräch anbahnen könntest, hat der Typ schon an der Kasse bezahlt und ist draußen aus dem Geschäft, und überhaupt, wie um alles auf der Welt sollst du jemals erraten, ob einer der vielen schönen Knaben, die plötzlich die Welt bevölkern, nun wirklich Interesse an einem Kontakt zu dir hat oder ob er vielleicht einfach nur so in die Gegend lächelt, weil er gerade an ein anderes, wunderschönes Mädchen mit blonden, langen Haaren und ohne Pickel im Gesicht denkt, in das er verliebt ist.

Und da eben helfen all die Liebesfilme gar nichts. In den Liebesfilmen sprechen die Mädchen keine Jungen an, sondern werden ihrerseits angesprochen, und wenn der Hauptdarsteller in den Liebesfilmen in Richtung der Hauptdarstellerin lächelt, dann ist es hundertprozentig sicher, dass er das Mädchen auch meint. Das Mädchen, das in dem jeweiligen Liebesfilm die Hauptrolle spielt, kann daher so tun, als hätte es gar nicht gesehen, dass der Junge es anlächelt, und es kann einfach weitergehen, weil es ja sicher sein kann, dass der Junge hinter ihm herkommt und es irgendwann anspricht. Was übrigens eine todsichere Methode sein soll, einen Jungen aufzureißen. Ignorieren, heißt es unter deinen Freundinnen, sei die sicherste Methode. Deine Mutter sagt das auch, aber das geht dir schon auf die Nerven, weil du schon mehrfach die Erfahrung gemacht hast, dass dann gar nichts passiert. Was allerdings wahrscheinlich gerade das ist, was deine Mutter für dich anstrebt.

In den Liebesfilmen ist das anders, weil da die Mädchen immer wunderschön oder reich oder gleich Models sind und es deshalb von Haus aus gewöhnt sind, dass jeder sich für sie interessiert und sie anspricht. Und die Männer haben ihr Auto dabei, da ist es ja keine Kunst, wenn man lässig ein Autofenster herunterkurbelt und, langsam neben einem Mädchen herfahrend, dieses anspricht. Auch mit einem Jagdgewehr in der Hand scheint es dir relativ einfach zu sein, ein Gespräch anzubahnen, oder auch an einer Bar. Ganz einfach ist es, wenn man raucht. Besonders für ein Mädchen. Ein Mädchen fischt eine Zigarette aus dem Paket, wühlt ein wenig in der Handtasche, steckt die Zigarette dann in den Mund und schaut sich Hilfe suchend nach jemandem um, der ihm Feuer geben könnte. Also beginnst du zu rauchen. Aber selbst rauchend ist es nicht immer so einfach wie im Film. Du fischst eine Zigarette aus dem Paket, wühlst ein wenig in der Handtasche, steckst die Zigarette in den Mund, schaust dich Hilfe suchend um, und kein Mensch bemerkt dich. Höchstens dass dich eine ältere Frau bemerkt, die dann über die Jugend herzieht und sagt, dass man dich in ein Heim stecken sollte.

Und selbst in dieser Lebenslage nützt ein Film gar nichts. Einmal abgesehen davon, dass in keinem einzigen Film, den du gesehen hast, die Erwachsenen so schnell bereit sind, die Jugend in Heime zu stecken wie in der Wirklichkeit, reagieren die Lümmel von der ersten Bank in den lustigen Schulfilmen, die du gesehen hast, so, wie du in Wirklichkeit eben niemals reagieren darfst, wenn du nicht wirklich in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche landen willst. Die zünden einfach die Schule an oder treiben die Lehrer in den Wahnsinn, und es passiert ihnen so gut wie gar nichts. Höchstens dass es einmal passiert, dass so ein Schüler durchfällt und ein Jahr wiederholen muss, das macht aber dem Schüler nicht besonders viel aus, im Gegensatz zu dir, die du dir nichts Schrecklicheres vorstellen kannst, als ein Jahr länger als unbedingt nötig in die Schule zu gehen. In Liebesangelegenheiten sind die Beteiligten nie verschwitzt, immer gut frisiert, und das Bikinioberteil verrutscht auch nie. Kate Winslet in Titanic ist sogar während die "Titanic" schon untergeht noch gut frisiert oder zumindest malerisch zerrauft, und die Wimperntusche stimmt, auch wenn im Gesicht ein kleiner, hübscher Schmutzfleck zu sehen ist, und Audrey Hepburn in einem alten Schinken, der immer wieder im Fernsehen wiederholt wird, ist sogar mit Nonnenschleier schön, was für ein normal sterbliches Mädchen unmöglich ist, weil es kaum etwas Entstellenderes gibt als ein Tuch, das eng am Kopf anliegt. Jedenfalls bei dir. Der Kopf ist dann zu klein, auch die Augen, die Nase hingegen zu groß, und die Pickel auf der Stirn sind deutlich sichtbar.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder all die Filme lügen und betrügen den arglosen Zuschauer, oder du bist eben zu hässlich, zu ungeschickt und zu verschwitzt für dieses Leben. Du entscheidest dich für die zweite Möglichkeit. Dementsprechend verlaufen deine ersten Kontakte zum anderen Geschlecht. Der E-Gitarrist ist wunderschön, und du bist potthässlich. Er hat schwarze, lange Haare, grüne Augen, lange, dunkle Wimpern, ein schmales Gesicht und keine Pickel. Du hast kurze, glatte, braune Haare, kleine Augen mit kurzen, farblosen Wimpern, eine große Nase, Pickel auf der Stirn, zu lange Arme und zu große Hände. Außerdem bist du zaundürr, ohne die geringsten weiblichen Formen. Er spielt E-Gitarre in der Band, die auf eurem Klassenfest spielen wird. Du träumst dich in eine Schönheit hinein, die nur existiert, wenn du in nächtlichen Wach- träumen allein in einem einsamen Schloss über dem Meer lebst. Deine Mutter schwört auf Gurkenscheiben im Gesicht. Es nützt aber nicht viel. Die Haut wird samtener, dafür wird die Stirn knallrot. Nach ein paar Stunden lässt die Röte nach. In die Haare schmierst du Kieselerde. Das ist in Bravo gestanden. Aber davon werden deine Haare auch nicht länger und nicht weniger glatt. Vielleicht eine Spur voller. Die Wimpern kann man tuschen. Der Nachteil ist nur, dass kleine, schwarze Tuscheklümpchen in ihnen hängen bleiben. Du darfst niemals über deine Augen wischen oder gar weinen. Dann verschmieren sich die Wimperntuscheklümpchen zu großen, schwarzen Seen um deine Augen.

Du überredest deine Mutter zum Kauf einer neuen Hose. Sie ist oben eng und unten weit und hat einen breiten Gürtel mit silbernem Verschluss. Deine Mutter sagt am Nachmittag vor dem Klassenfest, dass du gut aussiehst. Aber das bedeutet nicht viel. Deine Mutter weiß nicht, was gut aussieht und was nicht. Als du dich im Spiegel betrachtest, findest du auch, dass du gut aussiehst, aber im Vergleich damit, wie du aussiehst, wenn du nachts vor dem Einschlafen im Schloss über dem Meer deine langen, schwarzen Haare frisierst, schaust du nicht besonders gut aus. Der E-Gitarrist bemerkt dich nicht einmal, als du dicht vor der Band ekstatisch tanzt. Nur der kleine dünne Schlagzeuger bemerkt dich und als sie eine Nummer ohne Schlagzeug spielen, fordert er dich zum Tanzen auf. Er kann so gut tanzen, dass du gar nicht anders kannst, als auch gut zu tanzen. Die anderen Paare auf der Tanzfläche bleiben stehen und sehen euch zu. Nur der E-Gitarrist schaut woanders hin. (DER STANDARD, Album, 23./24.4.2005)

Margit Schreiner ist Schriftstellerin und lebt in Linz. Zuletzt erschien von ihr "Nackte Väter" im Schöffling Verlag. ist Schriftstellerin und lebt in Linz. Zuletzt erschien von ihr "Nackte Väter" im Schöffling Verlag.
  • Margit Schreiner
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    Margit Schreiner
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