Blaumachen

20. Mai 2005, 10:09
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Nachdem Luc Besson "Le Grand Bleu" auf Amorgos gedreht hatte, fürchtete man um die entspannte Atmosphäre auf der Insel

Nachdem Luc Besson "Le Grand Bleu" auf Amorgos gedreht hatte, fürchtete man um die entspannte Atmosphäre auf der Insel. Da sie aber nach wie vor nur über Umwege angesteuert werden kann, bleibt die abgelegene Kykladeninsel ein Ort, an dem man Griechenland wie vor zwanzig Jahren erleben kann.


Ein Mönch, zwei Maultiere und drei riesige Säcke mit Vorräten. Was hätten Sie an unserer Stelle getan? Genau, die Säcke rauf aufs Maultier, ein verhaltenes Lächeln für den Mönch und schon ist man für den 300 Höhenmeter steilen, steinigen Aufstieg Maultierführer. Zuerst will das beladene Tier nicht so recht, aber dann murmelt der Mönch irgendetwas und die Minikarawane setzt sich in Bewegung, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Das Abladen der Vorräte vor dem Kloster hat vorerst noch Zeit, scheinen die Tiere doch erst einmal den grandiosen Blick auf Santorin mit uns genießen zu wollen. Am Fuße des steilen Hanges liegt der Anna-Strand und das tiefe Azurblau der ägäischen See lässt keine Zweifel offen, warum Luc Besson auf Amorgos einen Teil seines Tauchfilmes "Le Grand Bleu" alias "Rausch der Tiefe" drehte.

Der Rundgang durch das Innere des Klosters Chosaviotissa, wo noch drei von ehemals 30 Mönchen verblieben sind, erweist sich als Zeitreise in die griechische Vergangenheit, überall blicken gestrenge Heilige von den Ikonen an den Wänden. Die uralten handschriftlichen Aufzeichnungen, die man stolz präsentiert, werden in einem einfachen versperrbaren Holzschrank aufbewahrt. Mittlerweile gibt es für das Kloster so etwas wie geregelte Besuchszeiten, täglich von 8 bis 13 Uhr und abends von 17 bis 19 Uhr, vor wenigen Jahren noch blieb es dem Zufall überlassen, ob man jemanden traf, der einen durchs Kloster führte. Institutionalisiert ist mittlerweile auch der Abschied von den Mönchen auf der Terrasse bei einem Glas Ouzo und ein paar Süßigkeiten. Doch wir gehen noch einmal zurück in eine Art Studierzimmer, wo einer der Mönche vom orthodoxen Osterfest Ende April, Anfang Mai erzählt und uns einlädt wiederzukommen.

Bei der Ankunft mit der Fähre in Katapola von Naxos kommend hatten wir uns darauf verlassen, dass das "Zimmerservice" auch auf Amorgos so wie auf den anderen Kykladen-Inseln funktionieren würde: einfach ankommen, fragend dreinschauen und darauf warten, dass ein paar Zimmervermieter uns ihre Unterkunft mit in Plastik eingeschweißten Fotos präsentieren würden und einen Preis dazu murmeln. Ein feines System, wenn man keine hohen Ansprüche hat, und so verschlägt es uns in die komfortablen Anna-Studios unweit vom Hafen.

Katapola ist dann auch schon das Maximum an Stadt, was Amorgos zu bieten hat und erst seit Bessons Filmdreh 1998 existiert hier so etwas wie touristische Infrastruktur, die sich aber im Gegensatz zu anderen Kykladeninseln angenehmerweise nicht über riesige Plasmabildschirme zur nahtlosen Verfolgung der britischen Fußballmeisterschaft definiert. Als dauerhafte Reminiszenz an die Dreharbeiten hat man sich im Café "Le Grand Bleu" aber entschlossen, den Film dort auch quasi nonstop zu zeigen.

Die Insel verfügt nur über ein rudimentäres Busnetz, deshalb geht es mit dem in Katapola gemieteten Moped auf einem kurzen Ritt in die Chora, die mittelalterliche Hochstadt, die rund um das venezianische Schloss gebaut wurde. Das vom Meer aus unsichtbare Dorf mit vielen kleinen Kuppelkirchen und Glockentürmen am Fuße des Kambi-Felsen vermittelr noch am ehesten das, was man andernorts schon lange nicht mehr als spezifische griechische Inselarchitektur wahrnehmen kann.

Fährt man in Richtung Südwesten der Insel, gelangt man über eine zunehmend holpriger werdende Piste zur Liveros-Bucht, dem zweiten Schauplatz auf Amorgos für die Dreharbeiten von Bessons "Big Blue". Gäbe es da nicht die Geschichte rund um das Wrack der "Olympia", die besagt, das moderne Piratenschiff sei auf einer seiner Schmugglerfahrten hier gestrandet, müsste man annehmen, das Team habe ganz einfach vergessen, seine Requisiten wieder mitzunehmen.

Schotterburg

Der felsige Küstenabschnitt ist zwar zum Baden schlecht geeignet, aber das Hinaus- und teilweise Hineinschwimmen ins Wrack ist durchaus so abenteuerlich, dass sich der Umweg lohnt. Grundsätzlich bieten die felsigen Küsten von Amorgos nicht die Traumstrände, die man sich vielleicht erhofft. Zumeist liegt man etwas unbequem auf Schotter, nennenswerte, sandige Abschnitte gibt es etwa in Kato Kampos in der Nähe von Kolofana oder im Norden unmittelbar der Ortschaft Aegiali am Levrossos Strand. Da man im Normalfall über Naxos oder Santorin mit der Fähre anreisen wird, sollte man sich das Sandburgbauen für dort vorbehalten.

Besser eignet sich die Insel für nicht allzu anstrengende Wanderungen, etwa auf dem kurzen Abschnitt von Choa nach Aegiali hinunter. Das ist die schönste Variante, um die dreistufigen Ortsteile von Aegiali und das erwähnenswerte byzantinische Kloster Theologos in der Nähe der Stadt zu erkunden, wo man zweimal im Jahr (im Mai und September) traditionelle Feste feiert.

Schwer wird uns der Abschied in einem der Cafés am Hafen von Aegiali gemacht, als wir die baldige Abfahrt verkünden, gibt man zu bedenken, dass wir beim nächsten Besuch doch Ostern mitfeiern sollen. Vom 29. 4. bis zum 1. 5. verwandelt sich auch heuer Amorgos wieder in eine einzige Backstube, wenn in jedem Ofen auf der Insel das traditionelle Brot bereits auf das gefüllte Lamm wartet. (DER STANDARD, Printausgabe vom 23./24.4.2005)


Amorgos verfügt über keinen Flughafen, aber ein- bis zweimal täglich besteht eine Fährverbindung zu Naxos oder Paros, sechsmal in der Woche zu Piräus und viermal zu Santorin. Die häufig wechselnden Fahrpläne findet man unter www.greekferries.gr. Voraussichtlich ab dem 18. 5. wird FlyNiki das nahe Santorin anfliegen.

Von
Sascha Aumüller

amorgos.net
  • Artikelbild
    foto: amorgos.net
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