Leben mit den Muslimen

9. Mai 2005, 18:57
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Die Grundtugenden eines richtigen Miteinanders sind noch einzuüben - Kolumne von Hans Rauscher

Alle reden über den Papst. Der neue Papst Benedikt XVI. machte sich aber schon als Kardinal seine Gedanken über die Entchristlichung Europas, die mit einem Anwachsen des Islam auf dem Kontinent einhergeht.

Unter den europäischen Muslimen – Türken, Araber, Bosnier, Albaner, Pakistani und Inder – herrscht mit Sicherheit höhere Glaubensdichte und -Intensität als unter der christlichen Mehrheit. Nicht selten geht damit ein Überlegenheitsgefühl einher, das Ratzinger so beschrieb: "Die westlichen Länder können keine moralische Botschaft mehr bieten, sie haben der Welt nur Know-how zu bieten; die christliche Religion hat abgedankt. Wir aber haben die Religion, die standhält."

Ratzinger vergisst dabei (wohl bewusst), dass es auch den "Glauben der Ungläubigen" gibt, den die westliche Welt anzubieten hat, den Glauben an Demokratie, Menschenrechte und Freiheit.

Aber es besteht kein Zweifel, dass sich die Gesellschaft im Westen mit den Muslimen allgemein und denen in ihrer Mitte auseinander setzen muss, zunächst im Sinne des Informiertseins, während umgekehrt die Muslime – in Österreich 340.000 – gut daran tun, ihre Umgebung zur Kenntnis zu nehmen und die universellen Werte von Demokratie, Menschenrechten usw. auch zu akzeptieren.

In Wien findet am Sonntag die erste österreichische Imamen-Konferenz statt, bei der 80 bis 90 Vorbeter aus ganz Österreich eine Standortbestimmung des Islam in Österreich vornehmen wollen. Es soll ein Grundsatzpapier erarbeitet werden, das ein klares Bekenntnis zum Staat, seiner Verfassung und seinen Institutionen enthalten soll, außerdem Positionen zu Bürgerrechten, Meinungsfreiheit und eine Absage an jeden Extremismus sowie – sehr wichtig – eine Aussage zur Rolle der Frau im Islam.

Omar Al-Rawi, SP-Gemeinderat und Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft erwartete sich von dieser Konferenz eine Neubestimmung. Man wolle sich nicht mehr als eine Minderheit in der Diaspora sehen, sondern als "sich in ihrer Heimat fühlende Glaubensgemeinschaft".

Da wird noch einige Arbeit zu leisten sein. Wenn etwa eine islamische Sprecherin in einem ORF-Bericht über Zwangsehen oder arrangierte Ehen sagt, im Westen würden sich viele Menschen ja auch über ein Heiratsbüro kennenlernen, dann sind da die Maßstäbe gewaltig durcheinander gekommen.

Umgekehrt sind öffnungsbereite Muslimenvertreter schwer irritiert, wenn etwa die Presse das Imamen-Treffen unter dem Titel "Verfassungsschutz observiert Islam-Konferenz" ankündigt. Wachsamkeit ist notwendig, aber wenn der Versuch der islamischen Gemeinden, ein Verhältnis zu Österreich zu finden, sozusagen als Polizeibericht abgehandelt wird, stimmen auch hier die Maßstäbe nicht.

Die Auseinandersetzung mit dem Islam in unserer Mitte hat erst begonnen. Ein erster Schritt von unserer Seite wird wohl die Erkenntnis sein müssen, dass es "den Islam" nicht gibt und wir es mit vielen Ausprägungen zu tun haben, vom tatsächlich zu observierenden Fundamentalismus bis zum "Euro-Islam", der die "Werte des Westens" anerkennt, ohne von den eigenen zu lassen.

Die Grundtugenden eines richtigen Miteinanders sind noch einzuüben, von beiden Seiten. Es ist auch ziemlich sinnlos, zu diskutieren, wer nun die "Bringschuld" habe, die zugewanderten Muslime oder die eingesessenen Christen, bzw. Nicht-Christen. Die Realität verlangt es einfach, sich miteinander friedlich zu beschäftigen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.4.2005)

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