Die Schlüsselposition der Wirtschaft

    25. April 2005, 20:00
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    Um seinen "nachhaltigen Unternehmenswert" stetig zu vergrößern, muss sich ein Betrieb nach innen und außen öffnen

    Die heute erkennbaren globalen Entwicklungen lassen einen tiefgehenden Veränderungsprozess der Gesellschaft und der Wirtschaft in den nächsten Jahrzehnten erwarten. Es ist die Leitidee der nachhaltigen Entwicklung, die seit dem Brundtland-Bericht 1987 und der nachfolgenden in Rio de Janeiro abgehaltenen UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED, 1992) die Ziele der globalen Umwelt- und Entwicklungspolitik wesentlich mitbestimmt.

    Im Zusammenhang mit der Bewertung von Nachhaltigkeit auf betrieblicher Ebene ist es aber wichtig, die nachhaltige Entwicklung aus der Perspektive der Wirtschaft zu betrachten. Der Wirtschaft kommt aufgrund ihrer Mittelstellung zwischen Rohstoffbereitstellung und Konsum eine Schlüsselposition zu. Eine zuverlässige, kosteneffiziente, energie- und ressourceneffiziente Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen zu verhältnismäßigen Kosten sowie Akteure, die bei der Formulierung ihres Optimierungsziel alle Aspekte der Nachhaltigkeit berücksichtigen, sind unabdingbare Voraussetzungen für eine nachhaltige Wirtschaftsweise.

    Die Wirtschaftsbetriebe sind hier wesentliche "key-player" - bei allen Zielen müssen aber auch die anderen Sektoren wie Regierungen, Behörden, Konsumenten, etc. im Sinne einer gemeinsamen Verantwortung ihre Rolle wahrnehmen. Für die Umsetzung nachhaltigen Wirtschaftens ist eine dialogorientierte Zusammenarbeit bei Vorbereitung und Entscheidungsfindung notwendig. Dann können Innovationen in Richtung Ökoeffizienz auch Impulse für die Wettbewerbsfähigkeit darstellen und damit effizienten Umweltschutz und hohes Beschäftigungsniveau vereinen.

    Umsetzung von Nachhaltigkeit in Unternehmen

    Da ein nachhaltiger Zustand nicht konkret definiert werden kann, so ist auch ein nachhaltiges Unternehmen nicht definierbar. Unternehmen können jedoch Nachhaltige Entwicklung als Leitbild aufnehmen und eigene Maßnahmen ergreifen, um sich zu einem nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen zu verändern. Diese Unternehmen stellen sich zukünftigen Herausforderungen und sind sich dabei der eigenen Rolle in der Gesellschaft bewusst. Sie beteiligen sich aktiv an einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess innerhalb der gesamten Gesellschaft.

    Dazu muss sich jedoch ein Wertewandel in den Unternehmen vollziehen. Viele Unternehmen konzentrieren sich bislang ausschließlich auf ihren "klassischen Unternehmenswert", das heißt auf die Interessen von Investoren oder Kreditgebern - kurz gesagt auf den Shareholder Value. Um seinen "nachhaltigen Unternehmenswert" stetig zu vergrößern, muss sich ein Unternehmen nach innen und außen öffnen - um weitere interne und externe Interessengruppen - wahrnehmen zu können. Dazu muss jedoch im Unternehmen ein erweiterter Bezug auf Kunden, Mitarbeiter, Partner und Akteure des gesellschaftlichen Umfelds geschaffen werden (vgl. Ebinger und Schwarz 2003, Wenzel 2004).

    Die Bewertung von Nachhaltigkeit in Unternehmen stellt eine sehr komplexe Herausforderung dar. Wie können Aktivitäten der Wirtschaft vor einem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung bewertet werden, wenn doch die Ziele der nachhaltigen Entwicklung nicht wirklich klar sind? Nachfolgend werden bekannte Aktivitäten der Wirtschaft, die sich größer werdender Beliebtheit erfreuen, kurz, kritisch betrachtet.

    Nachhaltigkeit und Worte

    Das neue Reporting – die Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten und die neuen Stakeholderdialoge - ist eine lobenswerte Aktivität der Wirtschaft. Es erhöht die Transparenz der Unternehmen und initiiert Veränderungsprozesse, die zu mehr Nachhaltigkeit führen könnten. Vielfach wird in den Berichten aber der Reportingwahn auf die Spitze getrieben und dicke Bände mit umfassend dokumentierter Hilflosigkeit publiziert. Welchen Nutzen bringen diese Berichte für die Menschen? Welchen Beitrag für die Gesellschaft leisten sie wohl? Es muss aber festgehalten werden, dass allein die Beschäftigung mit dem Thema Nachhaltigkeit schon positive Wirkungen bringen kann und vielleicht gerade daraus ein relevanter Veränderungsprozess hervorgeht.

    Als Instrument der Bewertung stehen Indikatorensets aus Kennzahlen zur Verfügung. Zumindest die Freunde des Controllings, des Planes und der Managementsysteme freuen sich über neue Datenlandschaften, die vielfältige Interpretationen zulassen. Nicht weniger Menschen aber sehen in diesen Versuchen der Bewertung durch Zahlen, Daten, Fakten ein Problem und keine Lösungen.

    Nachhaltigkeit und Menschen

    Das Corporate Social Responsibility (CSR) Konzept ist ein anderes Beispiel einer wirtschaftlichen Schwerpunktsaktivität. Dem Konzept liegen viele Ideen aus der nachhaltigen Entwicklung zu Grunde, wenn gleich der gesellschaftliche Aspekt stark im Vordergrund steht. Unternehmen sollen also mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und die Gespenster der aufbrechenden sozialen Netze der Staaten vertreiben.

    CSR tritt aber auch an, die negativen Begleiterscheinungen der Globalisierung – etwa Kinderarbeit, den Naturverbrauch, die Kooperation mit Diktatoren etc. in Drittländern – zu mindern und Unternehmen ihre Verantwortung für das Wohl der Weltgemeinschaft bewusst zu machen. Wir müssen aber die Frage stellen, ob die Unternehmen, für soziale Gerechtigkeit und für das Allgemeinwohl der Gesellschaften sorgen und den Staaten die Verantwortung dafür abnehmen sollen?

    Unschärfe als Prinzip

    Mit den herkömmlichen Instrumenten einer Bewertung, die letztendlich auf Zahlen, Daten und Fakten beruhen will, werden wir bei diesen Fragestellungen an unüberwindbare Grenzen stoßen. Überhaupt müssen wir die Frage stellen, ob wir mit dem Instrument "Bewertung" in der Lage sind, eine neue Form der Entwicklung abzubilden und einzuordnen. Es ist ein Zeichen der Veränderung unseres Weltbildes, dass wir keine Klarheit über die Ziele haben und daher immer viele Wege offen stehen. Wir sehen auch in der Vielfalt der Wege, die wir heute beschreiten, den besten Ansatz, der Komplexität der Entwicklung entgegen zu treten.

    Viele der vorhandenen Bewertungsansätze sind als solche Wege zu verstehen, die noch in unbekannte Gebiete führen. Andere wiederum sind als Versuch zu verstehen, das Neue mit alten Ideen und Instrumenten abzubilden und nicht ohne Vertrautheit am Wege stehen zu bleiben. Es sind Versuche und sie bilden auch das "Beste, was wir heute zu bieten haben" ab.

    Die Bewertung von Nachhaltigkeit auf betrieblicher Ebene ist Thema des Monats April 2005 im Internetportal

    Logo: Nachhaltigkeit.at
    Eine Initiative des Lebensministeriums



    Die Autoren:

    Doz. Dr. Andreas Windsperger (Institut für Industrielle Ökologie, St. Pölten), Dr. Heinz Peter Wallner (Wallner & Schauer – Beratung und Forschung für nachhaltige Entwicklung GmbH, Wien-Graz)

    Direkt-Link zum Monatsthema 4/2005
    (mit Text-Vollversion und weiterführenden Informationen)

    Literatur:

    Ebinger, F.; Schwarz, M. 2003: Nachhaltiges Wirtschaften in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Ansätze organisationaler Such- und Lernprozesse in: Handbuch Nachhaltige Entwicklung. Wie ist nachhaltiges Wirtschaften machbar?, Opladen 2003

    Wenzel T. 2004: Instrumente zur Bewertung von Nachhaltigkeit in Unternehmen – ein Vergleich. Diplomarbeit Technische Fachhochschule Berlin und Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, Oktober 2004

    diplomarbeiten24.de
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