Anfang Mai 1945: Tausende Opfer bei Todesmärschen vor Kriegsende

1. Mai 2005, 19:37
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Deportation angesichts des Vorrückens der sowjetischen Armee

Linz - Noch in den letzten Tagen vor dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes Anfang Mai 1945 gab es tausende Opfer bei Todesmärschen und Evakuierungstransporten ungarischer Juden und anderer KZ-Häftlinge quer durch Österreich. Sie waren schon vor dem Aufbruch ermordet worden, unterwegs an Erschöpfung gestorben oder von ihren Wachen erschossen worden.

Im April 1945 zogen tausende ausgemergelte, völlig entkräftete Gestalten auf verschiedenen Wegen durch Österreich. Es handelte sich um KZ-Häftlinge, die angesichts des Vorrückens der sowjetischen Armee aus den in den Reichsgauen Wien und Niederdonau gelegenen Nebenlagern des Konzentrationslagers Mauthausen ins Stammlager sowie nach Steyr, Gusen und Ebensee "evakuiert" werden sollten.

Ungarische Juden

Die weitaus größere Gruppe, die in Todesmärschen durch das Land getrieben wurden, waren ungarische Juden. Die damalige ungarische Regierung hatte sie dem deutschen Reich übergeben. Die Nazis hatten sie dann als Zwangsarbeiter zum Bau von Schanzanlagen in Westungarn sowie an der ungarischen Grenze in den Reichsgauen Niederdonau und Steiermark eingesetzt, berichtet Eleonore Lappin vom Institut für Geschichte der Juden in Österreich in einer vom Land Oberösterreich herausgegebenen Dokumentation über Gedenkstätten für KZ-Opfer.

Bei einem Treffen zur Organisation der Todesmärsche Ende März 1945 in Wien, an dem die Reichsstatthalter von Niederdonau, Steiermark, Oberdonau sowie der Kommandant des KZ Mauthausen, Franz Ziereis, und SS-Chef Heinrich Himmler teilnahmen, befahl dieser, die Häftlinge "ordentlich" zu evakuieren und deren Leben soweit wie möglich zu schonen. Diesem Befehl stand jedoch ein anderer gegenüber, der lautete, dass kein KZ-Häftling oder Jude in die Hände des Feindes fallen dürfe.

Chaos

Katastrophal für die Häftlinge war, dass bei der Auflösung der Lager bereits allgemeines Chaos herrschte. Die notwendigen Transportmittel standen häufig nicht mehr oder nur streckenweise zur Verfügung. So erfolgte die Evakuierung in Fußmärschen, bei Annäherung des Feindes in Eilmärschen. Viele Gefangene waren schon so entkräftet, dass sie marschunfähig waren. Diese wurden noch in den Lagern ermordet.

Keine Hilfe

Jene, die noch zu den Märschen aufbrechen konnten, mussten unterwegs meist unter freiem Himmel schlafen und erhielten tagelang keine Nahrung. Die Bevölkerung verhielt sich größtenteils passiv - wenn es doch Hilfe gab, wurde diese von den begleitenden SS-Leuten brutal unterbunden. So mussten beispielsweise die Häftlinge vor Windischgarsten große Steine aufheben und beidhändig tragen, damit sie im Ort keine Hand für milde Gaben frei hatten. Selbst Trinken war den Häftlingen untersagt. In einigen Fällen wurden jene, die Essen angenommen hatten, vor den Augen der Helfer erschossen.

Auch die zahlreichen Nachzügler oder Erschöpften sowie Flüchtlinge wurden erschossen. Dazu folgten den Kolonnen Erschießungs- und Beerdigungskommandos. In der Pfarrchronik von Kleinreifling, wo die Durchziehenden über Nacht verweilten, steht dazu: "Dieses Judentreiben war die größte Kulturschande, die das Ennstal je gesehen hat."

Überfüllte Lager

Datum und Zahl der Transporte lässt sich nicht mehr genau eruieren. Der Verlauf der Routen wurde vor allem anhand der Gräber von Opfern rekonstruiert, die nach Kriegsende gefunden wurden. Aber auch für die Überlebenden der Todesmärsche waren die Qualen nach ihrer Ankunft am Bestimmungsort noch nicht zu Ende. Mauthausen war beispielsweise überfüllt, deshalb wurden ab Mitte April 1945 weitere Fußmärsche von hier ins Lager Gunskirchen organisiert, bei denen wiederum zahlreiche Menschen umkamen.

In den Lagern brach in den letzten Kriegstagen die Versorgung zusammen. Als die Insassen Anfang Mai befreit wurden, waren die meisten nicht nur unternährt, sondern auch krank. Tausende überlebten deshalb die Befreiung nur wenige Tage oder Wochen. (APA)

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