Neuer Wissenschaftsrats-Chef: Stärkere Beratung bei der Studienwahl nötig

7. Juli 2005, 12:10
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Mittelstraß sieht Österreich vor erwartetem EuGH-Urteil in "schwieriger Situation" - Konzept des Rates für Schwerpunktsetzung vorstellbar

Wien - "Da baut sich eine schwierige Situation auf", meint der neue Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Jürgen Mittelstraß, zur Lage Österreichs vor dem zu erwartenden Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) über die österreichischen Uni-Zugangsregelungen für EU-Bürger. Ein Patentrezept dafür gebe es nicht, "eine Übernahme eines Numerus Clausus (NC) nach deutschem Vorbild kommt sicher nicht in Frage". Diese Situation würde in Deutschland selbst als unbefriedigend angesehen, so der an der Universität Konstanz lehrende Mittelstraß im Gespräch mit der APA.

Der 68-jährige Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie wurde vergangene Woche überraschend zum Nachfolger des bisherigen Vorsitzenden des Wissenschaftsrates, Wolfgang Mantl, gewählt. Mantl hatte seine Funktion und Mitgliedschaft zurückgelegt. Das zwölf Mitglieder umfassende Gremium soll die Regierung in Fragen der Universitäts- und Wissenschaftspolitik beraten. Mittelstraß war bereits Mitglied im Universitätenkuratorium, der Vorgängerinstitution des Rates. Weiters gehörte er mehrere Jahre lang dem deutschen Wissenschaftsrat an. Zuletzt leitete er eine internationale Expertenkommission, die Vorschläge für eine Neustrukturierung des bayerischen Hochschulsystems erarbeitet hat.

Vorbereitung auf mögliche Verurteilung Österreichs nötig

Unter den Überlegungen für eine künftige Regelung des Hochschulzugangs sollte auf jeden Fall eine "stärkere Beratung für Studierende bei der Studienwahl sein - dass man zum beiderseitigen Nutzen so etwas wie einen Filter einbaut", meinte Mittelstraß. Was die Zahl tatsächlicher NC-Flüchtlinge - das Bildungsministerium rechnet mit einem Potenzial von mehr als 80.000 - angeht, meint der Hochschul-Experte, dass die Suppe wahrscheinlich nicht so heiß gegessen würde, wie sie gekocht werde. "Das wird auch fächerspezifisch sehr unterschiedlich sein, am schwierigsten wohl in der Medizin". Es sei aber jedenfalls notwendig, sich darauf vorzubereiten.

Für die bayerischen Unis hat eine von Mittelstraß geleitete Kommission zum Teil Zusammenlegungen sowie die Schließung von Studiengängen empfohlen. Mittelstraß kann sich vorstellen, ein ähnliches Konzept auch für die österreichischen Unis zu erstellen. Er habe auch schon das bayerische Gutachten allen Mitgliedern des Rates und dem Ministerium zukommen lassen. Eins zu eins könne man das sicher nicht übertragen, und es sei auch nicht die Aufgabe des Wissenschaftsrats, "diese Arbeit für die Universitäten zu machen". Die Initiative zu einer Schwerpunktsetzung - bisher sind mehrere Anläufe dazu in Österreich gescheitert - sollte nach Meinung Mittelstraß aus dem Uni-System selbst kommen. "In diese Richtung zu werben, ist aber durchaus unsere Aufgabe."

"Das vielleicht fortschrittlichste Uni-Gesetz

Als vordringlichste Aufgabe des Gremiums sieht Mittelstraß, den Universitäten und dem Ministerium bei der Umstellung auf das neue Universitätsgesetz (UG) behilflich zu sein, das er als "das vielleicht fortschrittlichste Uni-Gesetz" bezeichnet, das es derzeit in Europa gebe. Dies werde in nächster Zeit deutlicher zum Ausdruck kommen, als das in der ersten Phase des Ende 2003 gegründete Rates der Fall gewesen sei. So werde es z.B. Empfehlungen über die Leistungsvereinbarungen geben, die ab 2007 die Beziehungen zwischen Unis und Staat regeln sollen. Außerdem wolle sich der Rat durch Uni-Besuche an Ort und Stelle kundig machen, wie weit die Dinge gediehen sind und wo es Probleme gibt. (APA)

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