Die Wunden des Vietnamkriegs sind in den USA nicht verheilt

24. Mai 2005, 12:16
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Heftige Debatten im jüngsten Wahlkampf ums Weiße Haus

Washington - Keine zehn Jahre ist die Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und Vietnam her, und dennoch bleibt der Begriff "Vietnam" in den Vereinigten Staaten ein geflügeltes Wort. Sei es der Krieg im Irak, die Obdachlosenstatistik oder aber der Präsidentschaftswahlkampf: Der seit mehr als drei Jahrzehnten zurückliegende Vietnamkrieg beeinflusst bis heute Innen- und Außenpolitik der USA.

Erst vor einem Monat scheiterte die "Vietnamesische Gesellschaft für die Opfer von Agent Orange/Dioxin" mit einer Klage gegen US-Chemiegesellschaften vor einem Gericht in New York. Die US-Unternehmen seien nicht dafür haftbar zu machen, wie die Regierung das Herbizid zur Entlaubung eingesetzt habe, befand ein Richter. Nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) leiden 100.000 Vietnamesen an Spätfolgen wie Krebs, Missbildungen und Erbgutschäden. Auch US-Veteranenverbände setzen sich für Tausende von Soldaten mit Spätschäden ein. Die zweite Problemgruppe sind jene 300.000 Kriegsveteranen, die obdachlos sind. Nach Angaben der "Nationalen Koalition für obdachlose Veteranen" hat jeder vierte Obdachlose in den USA "dem Land gedient".

58.245 Soldaten gefallen oder vermisst

Das Gedenken an die Gefallenen im Vietnamkrieg ist bis heute lebendig. Täglich pilgern Scharen von Angehörigen und Touristen an jener Denkmalmauer in Washington vorbei, in der die Namen von 58 245 gefallenen oder vermissten US-Soldaten eingraviert sind. Auf dem Boden liegen Briefe der Hinterbliebenen und Blumen. Das Denkmal erinnert nicht nur an die Gefallenen, sondern auch an den Preis, den die Vereinigten Staaten für diesen Krieg bezahlt haben.

Nach der demütigenden Niederlage in Südostasien waren weder US-Politiker noch die Öffentlichkeit in den USA lange Jahre bereit, das Leben von US-Soldaten unnötig zu riskieren. Erst nach Ende des Kalten Krieges und dem Golfkrieg zur Befreiung von Kuwait 1991 genehmigte US-Präsident Bill Clinton Militäreinsätze oder Militärschläge in Somalia, Bosnien-Herzegowina, im Kosovo, in Haiti, Liberia, im Irak, in Afghanistan sowie im Sudan. Clinton war auch der erste US-Präsident seit Ende des Krieges, der Vietnam im Oktober 2000 besuchte.

Als im März 2003 US-Truppen in den Irak einmarschierten, um Saddam Hussein zu stürzen, machte wieder der Vergleich zum Vietnamkrieg die Runde - obwohl Historiker darauf verweisen, dass zwei Konflikte nie identisch sind. In Vietnam wurden mehr als 58 000 Soldaten getötet; im Irak sind es mehr als 1500. Rund 534.000 US-Soldaten waren 1969 in Vietnam im Einsatz. Im Irak waren es zu den Parlamentswahlen im Jänner rund 150 000. In Vietnam habe sich über 25 Jahre eine Art Aufstand entwickelt, gibt John Pike vom Internetdienst GlobalSecurity.org. zu bedenken. Im Irak seien es nur Monate gewesen.

"Wir haben das Vietnam-Syndrom sichtbar überwunden, aber wir beschwören es noch immer als Metapher", sagt Pike. "Vietnam bleibt unausweichlich der Bezugspunkt, an dem all diese Dinge gemessen werden." Wie wenig die Narben des Vietnamkriegs verheilt sind, verdeutlichen zwei Ereignisse. Im August vergangenen Jahres rückten die Vorgänge 1968/69 in den Mittelpunkt des US-Präsidentschaftswahlkampfes.

Während sich US-Präsident George W. Bush als Pilot der Nationalgarde vom Krieg fern halten konnte, behaupteten Vietnam-Veteranen, sein demokratischer Herausforderer Senator John Kerry habe über seine Taten als Kriegsheld in Vietnam gelogen. Und kürzlich spuckte ein Mann der US-Schauspielerin Jane Fonda in Kansas City (Missouri) Tabakreste ins Gesicht, als sie aus ihren Memoiren "My Life so far" las. Die 67-Jährige firmiert bei vielen Amerikanern bis heute abfällig als "Hanoi-Jane", weil sie 1972 aus Protest gegen den Vietnamkrieg die nordvietnamesische Hauptstadt besucht hatte. (APA/dpa)

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    US-Wahlkampf 2004: Ein Bush-Anhänger (links) diskutiert mit einem Kerry-Unterstützer (rechts) über einen Wahlkampffilm, der Kerrys Anti-Kriegs-Politik kritisiert

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