Neue deutsche Polit-Show

9. Mai 2005, 18:57
5 Postings

Wer einmal zugestimmt hat, Zeugen live zu vernehmen, kann sich beim nächsten Mal schwerlich dagegen wehren - Von Birgit Baumann

Im deutschen Fernsehen wird nun eine ganz neue Alternative zum öden Vormittagsprogramm geboten: Anstatt alter Serien können die Deutschen jetzt - so sie die Zeit finden - brandaktuelles "Visa-TV" schauen. Zum ersten Mal in der Parlaments- und Fernsehgeschichte wurde gestern die Sitzung eines Untersuchungsausschusses live im Fernsehen übertragen.

Für die Amerikanisierung der deutschen Politik sorgte neben den privaten Nachrichtenkanälen n-tv und N24 vor allem Phoenix, der Informations- und Dokumentationskanal der öffentlich- rechtlichen Sender. Dort war man stundenlang live dabei, als der Exstaatsminister im Außenamt, Ludger Volmer, zum massenhaften Missbrauch von Einreise-Visa befragt wurde. Sicherlich kann man sich mithilfe einer solchen Übertragung ein umfassenderes Bild machen. Wer Visa-TV schaut, ist nicht auf die Interpretation des Gesagten durch Medien oder Mitglieder des Ausschusses angewiesen. Doch diese Form von Öffentlichkeit hat nicht nur Vorteile. Zwar ging es gestern einigermaßen ruhig und sachlich zu. Dennoch werden Politiker diese neu geschaffene Bühne gerne zur Selbstdarstellung nutzen. Es ist zu befürchten, dass es ihnen nicht so sehr darauf ankommen wird, zur Wahrheitsfindung beizutragen, sondern sich selbst gut darzustellen.

Deshalb ist der SPD und den Grünen - was für ein Zufall - ja auch ausgerechnet vor der Aussage des Politprofis Joschka Fischer eingefallen, dass man doch Kameras zulassen könnte. Wie sehr Kameras die Arbeit von deutschen Untersuchungsausschüssen verändern, wird sich erst zeigen. Eines ist jedoch jetzt schon klar: Wer einmal zugestimmt hat, Zeugen live zu vernehmen, kann sich beim nächsten Mal schwerlich dagegen wehren. Die Möglichkeit einer Fernsehübertragung immer nur dann nutzen zu wollen, wenn der Zeuge fernsehtauglich ist und sich eine Partei dadurch Vorteile erhofft, wäre unglaubwürdig. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2005)

Share if you care.