Traurigkeit verkauft sich

29. April 2005, 15:25
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Florian Horwaths romantisches Solodebüt "We Are All Gold"

Das möglicherweise als ironische Hommage an sanften Posthippie-Songwriterschmus aus den frühen 70er-Jahren angelehnte Cover ist hart. Und falls das ernst gemeint ist (Bitte, lass es nicht wahr sein!), dann haben heutzutage jüngere Menschen mitunter ganz schön einen an der Klatsche. Wir sehen Herrn Horvath mit einem beherzt aufgeknöpften Hemd hinter einer die blaue Blume der Romantik beschwörenden, zart mit Kamerafilter gedimmten Kerze stehen. Die wurde hoffentlich aus glücklich gemolkenem Bienenwachs mit der Hand gezogen. Florian schaut uns irgendwie super sexy und ungeheuer sensibel an, aber auch mit einem totalen Geheimnis im Blick. Der hat schon einiges erlebt, will uns das Foto sagen. Aber da ist trotzdem immer noch eine megamäßige Zärtlichkeit in ihm, die er an uns weitergeben will. Das Foto wurde doppelt belichtet. Darüber legt sich schließlich noch wie ein das Unglück schon vorwegnehmender Grauschleier eine etwas trist wirkende Seenlandschaft, nachdem sich das Abendrot längst verabschiedet hat und die erste Kälte in die Glieder zu kriechen beginnt.

Gleich im ersten Song begegnet uns in diesem Zusammenhang dann eine Traurigkeit, die man sich als Erwachsener gar nicht mehr vorstellen mag: "I was so afraid of life, I wanted to cut it off with a knife." Das darf doch alles nicht wahr sein! Immerhin müsste der Mann es besser wissen, wenn es darum geht jung, cool und modern zu sein. Früher arbeitete Florian Horwath immerhin einige Jahre beim heimischen Radiosender FM 4 und betrieb nebenher einen programmatisch "Softmachine" betitelten sonntäglichen Club im Wiener Flex. Nach seinem Umzug nach Berlin machte er schließlich auch nicht gleich als melancholisches Weichei auf sich aufmerksam. Vielmehr bolzte er sich 2002 als Teil des elektronischen Popduos Grom gemeinsam mit dem Münchner Techno-DJ Michael Kuhn von Dakar & Grinser auf dem zynisch wie aus heutiger Sicht geradezu visionär betitelten Album "Sadness Sells" durch "Tanzmusik ohne Licht".

Der Bruch, der sich jetzt mit "We Are All Gold" auftut, könnte nicht größer sein. Gemeinsam mit Freunden irgendwo in Schweden am Land aufgenommen, hat Horwath während der vergangenen Jahre nicht nur den organischen Klang analoger Instrumente zu schätzen gelernt und setzt auf das freundliche Brummen von Gitarren-und Bassverstärkern wie auf ein faul verschlepptes Schlagzeug. Neil Young in seiner "Tonight's The Night"-Phase oder die von Horwath selbst gern erwähnten Postrock-Zeitlupenkaiser Slint und Codeine lassen hier nicht nur wegen des Songwritings und der Instrumentierung mehr als ein Mal grüßen. Auch wegen Horwaths mitunter kurz vor der Tonlosigkeit stehenden, jammernden und wimmernden Kopfstimme werden ihm diese Vergleiche nicht erspart bleiben.

Dennoch wird nach mehrmaligem Hören eines deutlich: Die allein zu Hause auf der Gitarre geschriebenen, sanftmütig verschrobenen und psychedelischen Songs von Horwath sind stark genug, um all diesen Ballast mit der Zeit hinter sich lassen zu können. Abgesehen von einigen textlichen Schwächen - und dem Cover! - ein tolles Songwriter-Album.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.4.2005)

Von
Christian Schachinger
  • Florian Horwath: "We Are All Gold" (Universal) Ab Montag im Handel
    foto: universal

    Florian Horwath: "We Are All Gold" (Universal)

    Ab Montag im Handel

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