Trainieren wie im Neandertal

2. Mai 2005, 01:00
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Männer und Frauen trainieren verschieden: Frauen geht es meist um Gesundheit, Wohlfühlen und Schönheit - Männern um Wettbewerb und Leistung

Natürlich könnte Norbert Bachl auch Statistiken und Studien ausgraben. Und dann mit Zahlen und Erkenntnissen um sich werfen. Das, weiß der Dekan der Fakultät für Sportwissenschaften an der Universität Wien und der Direktor des Institutes für Sportmedizin auf der Schmelz, wäre eindrucksvoll. Aber ein bisserl trocken, spröde und fad. Und das, sagt Bachl, wäre nicht im Sinne des Erfinders. Schließlich will er sein Publikum weder langweilen noch verschrecken. Und Männer, weiß der Sportmediziner, ticken anders. Nicht nur, aber auch beim Sport.

Denn auch wenn der Mediziner Pauschalierungen nicht mag, lässt sich doch eines sagen: Frauen sporteln gesünder. Oft vernünftiger. Meist mit weniger verkniffenem Ehrgeiz. In der Regel ohne krampfhaftes Wettkampfdenken. Nicht immer, aber doch - verhältnismäßig - öfter als Männer.

Ein Gleichnis für den Unterschied

Darum erzählt Norbert Bachl ganz gerne eine Geschichte. Eine typische. Mit Moral. Ein Gleichnis also. Etwa jenes von dem wichtigen Mann, der - jetzt, wo er es beruflich "zu etwas" gebracht hatte - wieder Sport betreibt. Für die Figur. Für die Gesundheit. Und überhaupt.

Deswegen, erzählt Bachl, habe der Mann Laufschuhe gekauft und "Laufen" groß in seine Termindatei eingetragen: Dreimal die Woche. Höchste Priorität. Und so habe sich der Mann dann jedes Mal von der Arbeit in der City eilig nach Hause in die Hietzinger Villa und dort in die Laufschuhe geworfen - und sei losgespurtet. Durch Park und Wald. Hügelauf und hügelab. Wie ein Wilder. 30 Minuten. Und dann - irgendwie ließ sich die Leistung bald nicht mehr steigern - sei er beim Arzt gesessen. Er sei, erzählte der Mann, stolz, doch nach dem Training jedes Mal völlig ausgepumpt. Manchmal wirklich am Ende. Hin und wieder sei ihm richtig übel - aber das Wissen, seinem Körper etwas Gutes zu tun, beflügle ihn. Motiviere. Das, sagte er, tue gut.

Er habe, sagt Bachl, dem wichtigen Mann nahe gelegt, das Training ein bisserl weniger radikal anzugehen. Da sei der wichtige Mann fast gekränkt gewesen: Dass da zwischen seiner Zeit im Schul-Leichtathletikteam und seinen Laufattacken gute 30 Jahre intensiver Untätigkeit gelegen hatten, musste Bachl ihm erst vorrechnen. Aber selbst dann verstand der Patient nicht ganz, dass die Mattigkeit am Tag nach dem Training ein Warnsignal war. Und dass der Körper das nicht ohne triftigen Grund ausstieß.

Typisch männlicher Zugang zum Sport

"Das", sagt Norbert Bachl, "ist die Spitze des Eisberges - beschreibt aber einen typisch männlichen Zugang zum Sport ganz gut." Denn während Frauen meist Gesundheits- und Figuraspekte in Trimmburgen, zu Sportvereinen und auf die Laufstrecke treiben, stehe bei Männern immer noch "die Leistung und das Sich-Messen im Vordergrund. Im Spiel, also im direkten Wettkampf, ebenso wie im Streben nach besseren Streckenzeiten." Und selbst dort, wo Frauen mit- oder gegeneinander Sport ausüben, erklärt Bachl, "geht es weniger tierisch-ernst und stressig zu als bei den Männern".

Im Sport kann mann eben noch herauslassen, was noch immer in ihm steckt. Und nur weil es seit einigen - wenigen - Jahrhunderten nicht mehr Aufgabe des Männchens ist, im Kampf gegen Feinde und auf der Jagd nach Beute die Lebensabsicherung seiner Familie zu betreiben und/oder sich selbst einen Vorteil bei der Suche nach einem Weibchen zu verschaffen, hat sich das dort, wo der Mann biologisch-evolutionär definiert wird, noch längst nicht niedergeschlagen: Männliche Sportverhaltensmuster sind auch hormonell gesteuert - und Testosteron sorgt eben für eine gewisse Aggressivität. "Die", betont Bachl, "muss ja nicht immer negativ besetzt sein."

Und auch wenn der Wettkampf an der Bankdrückmaschine, auf dem Fußballplatz oder auf der Laufbahn klassisch (oder unbewusst) Mann gegen Mann geführt wird, stecke da immer "das Bedürfnis, Frauen zu beeindrucken" dahinter. Freilich: Dass "die muskuläre Profilierung kein vordringliches Merkmal der meisten Frauen bei der Partnerwahl" darstellt, steht auf einem anderen Blatt.

Aber wer gerade schwitzend und schnaubend sein Eigengewicht zur Hochstrecke bringen will, denkt dabei ohnehin nur selten. Schon gar nicht an Geschriebenes. Und Vernunft war - in allen Dingen, die nur peripher mit Gesundheit und dem eigenen Körper zu tun haben, - noch nie eine männliche Domäne.

Doch auch abseits vom Schnellerhöherweiter-Trieb...

... haben viele Männer, die nach Jahren des Office- und Couchpotatoetums wieder zurück zum Sport finden, oft ein paar Hürden mehr zu überwinden als Frauen. "Die (die Männer, Anm.) sind meist so mies beieinander, dass ihnen der Arzt gesagt hat, dass etwas geschehen muss", weiß Alexander Novak. Allerdings, räumt der sportliche Leiter des Wiener Nobel-Fitnessclubs "Manhattan" ein, müsse man da berücksichtigen, dass "unser Publikum fünf bis zehn Jahre älter ist als das vieler anderer Fitnesscenter - unser Durchschnitt liegt bei 44 Jahren."

Aber dass Frauen beim Wiedereintritt in den Club der sich bewegenden Menschen meist eine bessere Ausgangsposition als - gleich alte - Männer haben, gelte überall: Frauen, wiederholt der Sporttherapeut und Sportwissenschafter Novak Kernsätze zur männlichen Nichtgesundheit, wissen mehr über Ernährung, haben weniger Übergewicht, einen generell gesünderen Lebenswandel und seien auch medizinisch besser versorgt als die meisten Männer.

Darüber hinaus seien sie meist gewohnt, Probleme konsequenter und doch weniger brachial anzugehen als Männer - und ließen sich auch eher etwas sagen: "98 Prozent der Frauen, aber nur zwei Drittel der Männer halten sich an das, was ihnen Trainer empfehlen." Zumindest am Anfang. "Bis sie spüren, dass das, was man ihnen sagt, doch sinnvoller ist." Oder bis sie sich wehtun.

Freilich: Nur Nachteile bringen Männer dann doch nicht auf die Trainingsmatte. Denn gerade das höhere Wissen in Ernährungs- und Diätbelangen, erklärt Novak, gehe mitunter auch "nach hinten" los: "Viele Frauen essen einfach zu wenig. Die kommen mit ihren 800 Kalorien am Tag grad noch durch, wenn sie nix tun - aber sobald sie Sport betreiben, braucht der Körper mehr Energie. Da gibt es oft angelernte Hemmungen."

Bei Männern fände sich dagegen - tief unter dem Fett - oft noch ein rudimentärer Rest der Grundkondition aus Jugendjahren (Novak: "Die meisten haben irgendwann Sport gemacht. Bei Frauen haben das oft Schulsportbefreiungen wegen Regelbeschwerden, gesellschaftliche Normierungen, Kindererziehung und Mehrfachbelastungen erfolgreich verhindert.") Und auf dem, was da noch im Manne schlummert, meint Novak, könne man - nach kurzer Zeit - ganz gut aufbauen. "Da gibt es bald schöne und motivierende Erfolge."

Freilich lassen sich diese rascher sichtbaren Ergebnisse auch anders interpretieren, räumt der Sporttherapeut ein: Frauen kämen eben meist in einem viel besseren Zustand zu ihm. "Und da ist dann eben mehr Arbeit nötig, bis Erfolge auch wirklich sichtbar sind." (Der Standard/rondo/22/04/2005)

Von Thomas Rottenberg

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Sportmedizin
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    foto: paul kranzler
  • Sich bewegen, ohnne an Training zu denken. Laufen, ohne Puls und Atemfrequent zu kontrollieren. Das Paradies, in dem Körperfettmessungen, Laktattests und Trainingspläne nicht existieren.
    foto: paul kranzler

    Sich bewegen, ohnne an Training zu denken. Laufen, ohne Puls und Atemfrequent zu kontrollieren. Das Paradies, in dem Körperfettmessungen, Laktattests und Trainingspläne nicht existieren.

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