Umwege zur Liebe auf den ersten Blick

28. April 2005, 22:08
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Über Wein und Butter kam Cartier-General-Manager Tom Meggle zur Luxusbranche

"Cartier war Liebe auf den ersten Blick", sagt Tom Meggle. Das klinge zwar kitschig, meint der 42-Jährige, der seit Juli 2002 General Manager von Cartier für Deutschland, Österreich und Osteuropa ist, aber so sei's nun mal gewesen. Schließlich habe er schon früher viel hart erspartes Geld zusammengekratzt, um seiner Frau in der Münchner Cartier-Boutique eine "Tank Française"-Uhr zu kaufen.

An Cartier habe ihn die Faszination interessiert, die die Marke auf ihre Kunden ausübe. "So einer Marke muss man mit Respekt begegnen, da geht es nicht nur um Innovation und Dynamik, sondern auch um das Selbstverständnis der Marke und um das Grundvertrauen, das der Kunde in sie setzt."

Verschlungener Weg

Trotz aller Faszination war der Weg, der Tom Meggle zu Cartier führte, ein verschlungener. "Erklärungsbedürftig", so meint er, sei sein Lebenslauf, "ein Headhunter findet den auf den ersten Blick vermutlich nicht schlüssig." Der Manager legte einige berufliche Schleifen ein, bis er in der Münchner Zentrale des zum Richemont-Konzern gehörenden Luxusgüterproduzenten landete. Und das hat einiges mit seiner Herkunft zu tun.

Denn Tom Meggle ist der Sohn von Toni Meggle, dem "Mann mit der Kräuterbutter", dem Eigentümer eines internationalen Molkereiunternehmens mit 1500 Mitarbeitern und 500 Millionen Euro Umsatz (2002) im bayrischen Wasserburg, das auch Weltmarktführer für pharmazeutische Lactose (u. a. ein Trägerstoff für Tabletten) ist. Kein Wunder also, dass eine seiner beruflichen Stationen Tom Meggle auch dorthin führte.

Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der European Business School in Oestrich-Winkel wollte Tom Meggle aber vorerst eigenständig Erfahrungen sammeln, "ohne den Regenschirm des väterlichen Unternehmens", und suchte sich einen Job "weit weg von der Butter". Er absolvierte "zwei anstrengende Lehrjahre" bei einem "profillosen Weinimporteur", für den er "jeden halbwegs gastronomischen Betrieb zwischen Sylt und Garmisch" mit Musterflaschen und Orderblock abklapperte.

Danach kannte sich Tom Meggle in der Branche aus, wechselte zum Weinimporteur France Vinicole und machte dort seine ersten Erfahrungen mit dem Luxusgütersegment, mit Topwinzern und großen Küchenchefs. Nach sechseinhalb Jahren war er Mitglied der Geschäftsführung und Juniorpartner - und stand vor dem Entschluss, sich entweder langfristig im Unternehmen zu engagieren oder sich neu zu positionieren.

Er entschied sich für den Neustart und trat mit 34 Jahren ins Familienunternehmen ein. Der Urgroßvater hatte den Betrieb als kleine Käserei in Wasserburg am Inn gegründet, der Großvater baute sie zu einem mittelständischen Unternehmen aus, und der Vater machte einen großen industriellen Betrieb daraus. Die Meggle AG wird auch heute noch von Toni Meggle geleitet, der - so der Sohn - "ein Phänomen" ist. "Er ist 73, schaut aus wie wie 60 und fühlt sich wie 50: Die Firma ist sein Leben."

Nach fünf Jahren erfolgreich

Nach knapp fünf Jahren im väterlichen Betrieb war Tom Meggle internationaler Markenvorstand für die Endverbraucherprodukte - und entschied sich für die Trennung vom Familienbetrieb. "Das war die richtige Entscheidung im Interesse des Unternehmens und der Familie."

Sein Ziel auf der Suche nach neuen beruflichen Horizonten war Tom Meggle klar: "Ich wollte ins Markenmanagement und in den europäischen Luxusgüterbereich." Nur die Weinbranche hatte er für sich ausgeklammert, "die Runde habe ich gedreht". Dass es schließlich Cartier wurde, bezeichnet der Manager als "Glücksfall".

Cartier sieht er als große Traditionsmarke mit vielschichtiger Kreativität - und vergleicht die Entwicklung der Marke mit dem Gründungsjahr 1847 mit der des 911er-Porsche. "Ein 911er aus den 60er-Jahren und ein heutiges Modell - da liegen Welten dazwischen. Trotzdem hat sich das Auto nur in den Details angepasst und entspricht auch heute noch in Proportionen und Linienführung dem ursprünglichen Entwurf." Genauso habe es Cartier geschafft, seine Produkt-Ikonen wie die Tank-Uhr über die Jahrzehnte im Design zu aktualisieren, ohne das Original zu verfälschen. "Das sind zeitlose Kultprodukte", meint Tom Meggle.
(Margit Wiener/Der Standard/rondo/22.04.2005)

  • Tom Meggle trägt einen Anzug von Martin Margiela.
    foto: cartier

    Tom Meggle trägt einen Anzug von Martin Margiela.

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