Die Ekstase als Ritual

Redaktion, 28. April 2005, 12:22
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    foto: apa

    Während sich auf der Pariser Bühne bei "Tristan und Isolde" recht wenig tut, sorgen Bill Violas optische Impressionen für Atmosphäre.

Premiere von Richard Wagners "Tristan und Isolde" in Paris unter der Regie von Peter Sellars

An der Bastille-Oper hat Sellars zusammen mit Videokünstler Bill Viola und Dirigent Esa-Pekka Salonen auf bebilderten Minimalismus gesetzt.


Ein Künstler-Triumvirat stürmte die Pariser Bastille, den Symbolort der Umkehrung der Werte während der französischen Revolution; Gerard Mortier engagierte eine interpretierende Dreieinigkeit für Richard Wagners Tristan und Isolde in der Pariser Opéra National Bastille: Dirigent Esa-Pekka Salonen (mit subtiler Klangstilistik) und Regisseur Peter Sellars (mit zurückgenommener Sängerführung) überlassen dem Videostar Bill Viola mit seinen Bildern scheinbar die Hauptrolle.

Die drei zelebrieren mit dieser Neuinszenierung ein Todesritual. Die Liebeskomponente von Wagners Oper wird auf musikalisch-sinnliche Weise und mit sich an fernöstlichen Lebenshaltungen orientierenden Videobildern und durch läuternde Wasser-und Feuerdurchquerungen zweier Filmdarsteller übermittelt, die als Kontrapunkte über der minimalistischen Bühne agieren.

Das Faszinierende an dieser Aufführung ist die Verflechtung der drei Opernebenen, die symbiotische Zusammenarbeit von Salonen, Sellars und Viola. Das Trio hatte die drei Akte getrennt und konzertant 2004 in Los Angeles (wo Salonen arbeitet und Sellars wohnt), von der Videokunst Violas begleitet, aufgeführt. Wobei Salonen vor den ersten Akt eine Suite von Alban Berg setzte, vor den zweiten Auszüge aus Claude Debussys Pelléas et Mélisande und für den Schlussakt ein Stück aus Kaija Saariahos Oper L'amour de loin nahm.

"Musikalisch sind das unsere Referenzen, nicht Freischütz, von dem man sonst ausgeht", erklärt Sellars dem STANDARD. Salonen lässt diese Musikbasis des 20. Jahrhunderts ab den ersten, genüsslich ausgekosteten Tönen der Einleitung deutlich hören. Sobald der Vorhang hochgeht und man die nur aus einem quadratischen Podest bestehende Bühne, über der Violas Videobildschirm herrscht, mit Isolde (Waltraud Meier in Höchstform) und Brangäne (wohlklingend: Yvonne Naef) in ihren schwarzen, bodenlangen Kleidern entdeckt, wird Salonens subtil-eigenwilliges Dirigat konfirmiert.

Waltraud Meier trägt den Premierenabend auf ihren Schultern. Ihrer stimmlichen und körperlichen Ausdruckskraft - durch die Lichtregie, die sich auf Gesichter und Hände konzentriert, unterstützt - hat Ben Heppner als Tristan zwei Akte lang leider nichts Entsprechendes entgegenzusetzen. Denn Peter Sellars sieht Tristan als völlig gehemmten, nie von einer Frau berührten, in die Heldenrolle gezwungenen Traumatisierten, der erst in seiner Todesszene im dritten Akt zur Höchstform aufläuft.

Begleitet wird dies von Videobildern in der besten Unterwassertradition des Bill Viola, der einen auf einem Katafalk liegenden Tristan-Leichnam zu einer Art Auferstehung im Wasser hochschweben lässt. Wenn Sellars im 2700 Zuschauer fassenden Raum der Bastille-Oper, wo Tristan und Isolde als das Opernereignis dieser Saison schlechthin von einem internationalen Publikum erwartet wurde, während der letzten Minute des ersten Aktes das Licht im Saal anmacht, reagiert das verlegene Publikum mit Husten.

Die mondänen Bastille-Besucher sind noch nicht total in das Opernritual integriert. Sie durchleben auch das als Zen-Initiationsritus minimalistisch inszenierte, enttäuschende Liebesduett des zweiten Aktes, wo Meier und Heppner nebeneinander knien und ihre Handflächen zum Himmel recken, wo Umarmungen nur sparsam Begehren andeuten. Aber die Todessehnsucht, die Todeslust, die diese Oper dominiert, wird von Sellars sorgfältig herausgefiltert und im dritten Akt zur Gefühlsexplosion gebracht. Da funktioniert die Kommunion mit dem Publikum. Völlig benommen verlassen die - zuvor noch tosenden Beifall spendenden - Massen das Todesareal der Bastille-Oper.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.4.2005)

Olga Grimm-Weissert aus Paris

Link

opera-de-paris.fr

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