Guter Tortenboden

27. April 2005, 21:18
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Mit ihrer 23. Auflage konnte sich die Art Brüssel erfolgreich am dichten Markt für zeitgenössische Kunst neu positionieren

Die Händler blicken vorsichtig optimistisch in eine Zukunft neben Basel, Miami, London oder Köln.


Brüssel - You used to be part of something: Ein geiles, gewaltiges Stück rosa-weißer Schaumstofftorte thront selbstbewusst auf seinem Sockel, einer hölzernen Transportkiste mitten im Gewühl der Art Brussels. 32.782 Besucher zählte die Messe, heuer um einen Tag verkürzt und im Umfang um 15 Prozent abgespeckt. Insgesamt ein eher zarter Besucherzuwachs, auf den Tag umgerechnet darf man sich aber über 20 Prozent mehr Zustrom freuen.

Vaast Colsons Torte (Maes & Matthys, Belgien), ist als Seitenhieb auf die Mechanismen von Ausstellungen zu verstehen. Einfach nur dabei gewesen zu sein genügt nicht - schon gar nicht bei einer Kunstmesse. Schließlich geht es ums Verkaufen, ums Erheischen von Aufmerksamkeit inmitten der Konkurrenz von 130 Galerien. "Ein beinhartes Geschäft", dem sich die jungen Künstler stellen müssen, erklärt Grita Insam. Aufleuchtende Euro-Zeichen in den Augen potenzieller Käufer, vergleicht die Wiener Galeristin mit "Kristallen, die auch kratzen".

Dem unsentimentalen Blick der Sammler setzten sich auch einige Brüsseler Messeneulinge, die der First Call ereilte. In 14 Boxen, in Charme und Größe nicht viel mehr als Schuhkartons, stellten von einem Komitee ausgesuchte und durch günstigere Standmieten angelockte junge, durchaus erfolgreiche Galerien aus. Dies war eine der Innovationen, der Art Brussels, so wie die nur spärlich frequentierten Podiumsdiskussionen.

Das Treiben rund um die Erstgerufenen in der Halle 11 des Expo-Geländes war da schon bunter. Und auch mit den Verkäufen zeigte man sich dort zufrieden, wenn auch nicht euphorisch: "Eine sehr bürgerliche, lokale Messe mit überwiegend belgischen Sammlern - Kuratoren sind Mangelware." Auch die trashige Raumsituation fanden nur manche charmant; eine junge Galeristin zeigt irritiert auf den desolaten Boden und löchrige, fleckige Wände: "Große Sachen kann man hier nicht hängen."

Zu den Glücklichen zählte unter anderem die Genter Onetwenty Gallery, die die Preise absichtlich niedrig hielt (2000-7000 Euro) und nicht nur Hekmut Stallaerts Malereien gut anbrachte, und Neff aus Frankfurt, Kamm aus Berlin oder Kleindienst. Der Leipziger hatte einige junge Maler im Neo-Rauch-Style im Gepäck und konnte quer durchs Malerbeet verkaufen: Ein Tilo Baumgärtel wechselte für 8000 Euro den Besitzer. Mitgereist auch Susan Schmidt, die sich in einem Video mit dem Phänomen "Geistesblitz" auseinander setzt. Ein "eher unpassendes" Medium für eine Messe, räumte sie ein.

Dass man mit Video gerade in Brüssel nicht punkten kann, erfuhr man wenige Meter weiter: "Bei Frieze in London oder in Miami wäre das ganz anders." Tatsächlich, in den dicht aneinander gereihten Kojen überwogen Fotografie und Malerei, elegant paritätisch verteilt. Dass aber mit Videokunst generell nicht zu punkten ist, widerlegt der Einzelfall: Eine Halle weiter bei den Etablierteren kam die Gandy Gallery, Pionier für zeitgenössische Kunst in Prag nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und nun nach Bratislava übersiedelt, gut an.

Das zurückhaltende poetische Video Dream House von Selja Kameric ging um 4500 Euro weg. Hochpreisiges fand sich auch. So war zum Beispiel eine Picasso-Zeichnung um 100.000 oder ein winziger Man-Ray um 30.000 Euro zu ergattern. Toppen konnte das der Brüsseler Xavier Hufkens: Er verkaufte Erwin Wurms Fat Car um 130.000 Euro. Am Erfolg des Österreichers konnte auch dessen Galeristin Ursula Krinzinger mitnaschen, die einräumte, dass man in Brüssel Geduld haben müsse.

Das vorsichtige Gustieren der belgischen Sammler bestätigten auch Lukas Feichtner und die Mauroners, die ihr Programm ganz auf Belgien abgestimmt hatten und mit dem "absoluten Star" Fabre Erfolge erzielten. Ernst Hilger konnte mit der jungen russischen Fotografin Anastassia Khoroshilova überzeugen, Grita Insam vermochte Arbeiten von Katharina Matiasek und Art & Language bei neuen Besitzern zu installieren.

Den "state of the contemporary art" hat die Art Brussels erreicht. Wirkliche Zuckerln oder gar Torten gab es aber keine. Ein deutscher Sammler attestierte sehr gute Qualität, "echte Highlights", habe er aber vermisst.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.4.2005)

Von
Anne Katrin Feßler

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artbrussels.com
  • Selja Kameric beschäftigt sich mit ihrer bosnischen Identität und der Zeit nach dem Kommunismus am Balkan: "Basics", 2003.
    foto: gandy gallery, bratislava

    Selja Kameric beschäftigt sich mit ihrer bosnischen Identität und der Zeit nach dem Kommunismus am Balkan: "Basics", 2003.

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