Nichts gegen die Kirche

2. Mai 2005, 19:17
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Man kann davon ausgehen, dass der Ruf des Heiligen Geistes den einen oder anderen gläubigen Politiker erreichen wird - Von Christoph Prantner

Die katholische Kirche gilt etwas in Italien. Das kann jeder ermessen, dem auf römischen Straßen Geistliche in Soutanen begegnen. Passanten nicken den Prälaten und Monsignores devot zu. Nutzt's nix, schad's nix. Unter dem wohlwollenden Blick der Sancta Ecclesia haben schon einige große Karrieren gemacht. Wenn auch nicht alles in Italien für die Kirche arbeitet, geht immerhin nichts gegen sie. Auch politisch.

Der eben zurückgetretene Europaminister Rocco Buttiglione etwa war der Verbindungsmann der Kirche in das Kabinett Berlusconi. Er rühmte sich im kleinen Kreis gern, dass er immer und zu jeder Zeit direkten Zugang zu Johannes Paul II. habe. Mit dieser Achse hat der Vatikan unter anderem die Kürzung der staatlichen Zuschüsse an katholische Schulen verhindert. Wer diese Aufgabe im neuen Kabinett und unter dem neuen Papst übernehmen wird, ist noch unklar. Aber man kann davon ausgehen, dass der Ruf des Heiligen Geistes (oder Benedikts XVI.) den einen oder anderen gläubigen Politiker erreichen wird.

Das Einvernehmen zwischen Staat und Kirche war nicht immer so friktionsfrei. Nachdem die Italiener dem Heiligen Stuhl 1870 den Kirchenstaat abgenommen hatten, konnten sich die Päpste für Jahre nur noch innerhalb der Mauern ihres Stadtstaates bewegen. Es ist auch kein Zufall, dass das Pferdehinterteil des Reiterstandbildes Giuseppe Garibaldis am Gianicolo-Hügel nahe des Petersdomes gegen den Vatikan gerichtet ist. Die Lage besserte sich erst, als Benito Mussolini mit der Kurie die Lateranverträge aushandelte, in denen eine Entschädigung für den Verlust des Kirchenstaates und die territoriale Garantie des viel kleineren Vatikanstaats festgeschrieben ist.

Seither also grüßen die Römer fromm - und denken sich nach den Buchstaben der vatikanischen Länderabkürzung (SCV): "Se Cristo vedesse", wenn Christus das nur sehen könnte... (DER STANDARD, Printausgabe, 21.04.2005)

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