Das Katholische

2. Mai 2005, 19:17
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Die katholische Kirche will die ganze Welt in ihrer Vielfalt und auch Widersprüchlichkeit umfassen - Von Josef Kirchengast

Katholisch, vom griechischen katholikós: "das Ganze, alle betreffend; allgemein". Die katholische Kirche will die ganze Welt in ihrer Vielfalt und auch Widersprüchlichkeit umfassen. Die Bilder vom Begräbnis Johannes Pauls II. und von der Wahl seines Nachfolgers Benedikt XVI. haben die Universalität der katholischen Kirche, zumindest aber ihren Anspruch darauf, eindrucksvoll vermittelt.

Widersprüchlich wie die Welt und der Mensch war auch die katholische Praxis des polnischen Papstes. In seinem Einsatz für die Würde jedes Menschen ungeachtet seiner Herkunft, seines Standes und seiner Weltanschauung, in seiner Warnung vor den Auswüchsen eines hemmungslosen Kapitalismus war er die einzige globale, also wahrhaft katholische Gegeninstanz zur säkularen Globalisierung.

Mit seinem rigorosen Festhalten an religiösen Dogmen und Verhaltensnormen und seinem Beharren auf der zentralen Lehrmacht Roms hingegen rückte Karol Wojtyla die Kirche in die Nähe einer Sekte. Mit dem Ergebnis, dass sich immer weniger Menschen um die Vorschriften aus dem Vatikan kümmern. Damit aber untergräbt die Kirche ihren eigenen katholischen Anspruch. Und dies in einer Zeit, da mehr denn je Bedarf danach bestünde. Die weltweite Anteilnahme am Leiden und Sterben des Papstes hat es gezeigt.

Benedikt XVI. hält nach allem, was man über ihn weiß, die Verteidigung des katholischen Glaubens, wie er ihn versteht, für seine zentrale Aufgabe. Und das scheint schwer vereinbar mit dem katholischen Anspruch der Kirche. Johannes Paul II. hat den Widerspruch mit seiner Spiritualität und seinem Charisma abgeschwächt, für viele überhaupt aufgehoben. Wie der Intellektuelle Ratzinger auf diese größte Herausforderung für die "katholische" Kirche antwortet, gehört zu den spannendsten Fragen seines Pontifikats. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.04.2005)

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