Trügerischer Ruf nach Einheit

2. Mai 2005, 19:17
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Papst Benedikt XVI. und die vielen Schatten, über die er springen müsste - Von Gerfried Sperl

Vielleicht erklärt sie Benedikt XVI. demnächst selbst: die Beweggründe für die Wahl dieses Namens. Am meisten dürfte sie mit dem Ordensgründer der Benediktiner zu tun haben, dem Schutzpatron Europas. Etwas weniger mit Benedikt XV., der vergeblich versucht hat, die unheilvollen Entwicklungen ab 1914 zu stoppen oder wenigstens zu bremsen. Der sich, laut späterer Interpretation, den Ruf einer vorsichtigen Annäherung an die Moderne erworben hat.

Die ersten Erklärungen des deutschen Papstes deuten darauf hin. Er will, um die "Einheit der christlichen Kirchen" zu erreichen, "Taten" setzen und nicht nur schön reden. Das hat was. Denn Kriege in Europa (und nicht nur hier) waren auch in jüngster Zeit sehr oft Religionskriege. Siehe Jugoslawien. Dazu passt, dass Ratzinger aus einem Land stammt, das (wie Österreich auch) die Nachwirkungen von Reformation und Gegenreformation spürt.

Doch welche Taten will der Gegner gemeinsamer Eucharistiefeiern setzen? Wo doch selbst der Begriff "Einheit" so gemeint ist, dass die Protestanten sich zumindest theologisch unterwerfen sollen? Kommt Benedikt den Evangelischen und Anglikanern entgegen, indem er seine eigenen Priester heiraten und Frauen zu Priesterinnen weihen lässt? Wohl kaum.

Dasselbe gilt von der Ankündigung einer "Versöhnung zwischen Glauben und Vernunft". Der Rückzug des katholischen Glaubens aus der Politik und der Einzug der Vernunft in die Politik waren die große Errungenschaft der Aufklärung. Und der Beginn einer "Zivilgesellschaft", die selbst in Europa noch nicht vollendet ist. Denn dazu gehört die Respektierung persönlicher Überzeugungen und die volle Anerkennung der Religionsgemeinschaften. Nicht jedoch die Rückkehr von religiösen Werten in die Verfassungstexte.

Zu erwarten sind daher große Begegnungen mit viel Brimborium und dem neuen Papamobil, einer langen, schwarzen Mercedes-Limousine. Was einer Korrektur der bisherigen Ästhetik gleichkäme: die Angleichung des Oberhaupts im Vatikan an das Protokoll rund um andere Großmacht-Präsidenten. Ob Benedikt XVI. auch jene Massen bewegt, die sein Vorgänger begeistern konnte, werden seine ersten Auslandsbesuche zeigen; in Polen und in Deutschland.

In den drängenden Fragen seiner Kirche (Pille, Kondom, Wiederverheiratete, Laienpredigt) müsste er über den eigenen Schatten springen, hat er doch höchstpersönlich die deutschen Bischöfe gezwungen, sich sogar aus der Schwangerschaftsberatung zurückzuziehen. Soll er jetzt auf einmal nachgeben? Jeder Schritt in die Richtung von Lockerungen wäre deshalb eine nicht erwartbare Sensation.

Da all die Kardinäle, die bis auf ganz wenige (darunter der als "progressiv" eingestufte Jesuit Carlo Maria Martini) vom Wojtyla-Papst ernannt und von Ratzinger mit ausgesucht wurden, war immer klar, dass sie einen Mann dieses Zuschnitts wählen würden. Dass sie sich gleich und so schnell für den engsten Vertrauten des verstorbenen Papstes entscheiden würden, war etliche Tage nicht gewiss. Ab Mon- tagmittag aber klar, als der schließlich Gewählte kurz vor dem Konklave eine programmatische Predigt hielt (die DER STANDARD in seiner ges- trigen Ausgabe exklusiv in Österreich abgedruckt hat).

Deshalb und weil Ratzinger schon 78 Jahre alt ist, muss er als Übergangspapst eingestuft werden. Das bedeutet weder Farblosigkeit noch Tatenlosigkeit. Seine erste Enzyklika wird erste Wege weisen. Und das erste Konsistorium (Kardinalsernennungen) unter ihm wird Aufschluss darüber geben, welche Richtung er unterstützt und forciert.

Nach den äußerst unterschiedlichen weltweiten Medienreaktionen zu schließen, müsste er zur Einstimmung mehr tun, als Einheitsappelle zu formulieren und Tatendrang zu signalisieren. Vielleicht denkt er manchmal an Konrad Adenauer, der weit über siebzig war, als er deutscher Kanzler wurde. Beweglich war der. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.04.2005)

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