Die doppelte Schatzkammer

22. April 2005, 21:01
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Im Steinberg bei Altaussee wird seit Jahrhunderten Salz abgebaut, vor 60 Jahren wurden in ihm riesige Kunstbestände gerettet

Im Steinberg bei Altaussee wird seit Jahrhunderten Salz abgebaut, vor 60 Jahren wurden in ihm riesige Kunstbestände gerettet. Die Neuinszenierung der Bergwerksschau will beides erlebbar machen. Eine Vorbegehung zu Mythos und Multimedia.

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Es geht, wie seit ewigen Zeiten, um das Salz der Erde. Neuerdings geht es aber auch um die hierher geschaffte und gerade noch gerettete Kunst. In den Stollen und Höhlen bei Altaussee ist der "Berg der Schätze" neu inszeniert worden, als Natur- und Zeitgeschichte zugleich soll er erlebt werden. Am kommenden Freitag wird die Schau eröffnet.

Vorangegangen ist ihr eine komplizierte Suche nach der richtigen Formel für ein kulturell wie tourismuspolitisch sensibles Gebiet. Den "Besuchertrakt" des aktiven Salzbergwerks wollte man schon länger revitalisieren, erst recht, seit Theateraufführungen in der großen Höhle aus Sicherheitsgründen verboten sind. Dem Salinen-Chef und Wahl-Ausseer Hannes Androsch geht es, wie er dem STANDARD sagte, "um touristische Belebung, den Reiz dieses Klimas und wirkungsvolle Nachnutzung". Eine Nutzung auch der Tatsache, dass am 30. April die Steirische Landesausstellung "Narren & Visionäre. Mit einer Prise Salz" im Ausseerland eröffnet, als deren Teil sich der "Berg der Schätze" versteht.

Salinen Tourismus

Den explosivsten Part von dessen Geschichte wollte man in die Neuinszenierung einbeziehen, nämlich die bekannte Rettung der fast 7000 von den Nazis im Berg gelagerten Kunstgegenstände – darunter alleine 6500 Gemälde vom Kunsthistorischen und anderen Museen – vor einer Sprengung in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Man begab sich hier "auf glattes Pflaster", wie Stefan Stögner, Chef der Salinen Tourismus, meint. Denn weder sind die genauen Hergänge restlos geklärt (siehe dazu etwa Chr. Reders Homepage), noch konnte und wollte man sie "museal" bearbeiten: "Es geht um eine erlebnishafte Aufbereitung des Berginneren insgesamt, da ist die Kunst nur ein Teil davon."

Die Salinen zahlten, eine Jury wählte aus. Das Projekt von prospera/Pirner & Hofer Kultur will in mehreren Stationen entlang der Stollen "Kunst, Kraft und Kultur" im Berg erlebbar machen. Die Besucher, die in Gruppen zu 50 durchgeschleust werden, erleben zunächst Salzkristalle – als geronnenes Licht und alchimistisches Material, untermalt durch Zeilen aus dem "Faust" – und das Spirituelle in der unterirdischen Barbara-Kapelle.

Lauter Retter

Als größte Herausforderung empfanden die Gestalter die Episode der Kunst-Rettung. "Derf ma des?" war laut Gerhard Pirner die Grundfrage. Man durfte, doch man musste sich auf die gesicherten Fakten beschränken. Wolfgang Quatember vom Zeitgeschichte-Museum Ebensee wies die Ausstellungsmacher auf die verwirrende Rekonstruktion der Ereignisse vom 3. und 4. Mai 1945 hin, als sich Nazi- Bonzen gegenseitig verhaften wollten und viele Beteiligte, von den Bergwerkern bis zum damaligen Salinen-Direktor, nicht nur Retter waren, sondern hinterher auch Widerstandskämpfer sein wollten.

Simulierende Szenen

Diesseits solcher Details inszenierte Veronika Hofer an einem der Original-Lager eine multimediale Schau. Sie verschränkt dokumentarisches Filmmaterial, abwechselnd auf Monitoren gezeigte Gemälde, simulierend nachgedrehte Szenen, Schlagzeilen, Toncollagen und Musik zu einem impressionistischen Ganzen, das "Sinne wie Verstand, Kinder wie Pensionisten" (Pirner) gleichermaßen ansprechen soll.

Pink-Floyd-Verschnitt zur Show

Die Kalkulation könnte aufgehen, der potenzielle kulturelle Verlust wird drastisch vor Augen geführt. Nicht jedermanns Sache wird die Musik sein, die sich als Pink-Floyd-Verschnitt bezugslos über einen Teil der sechs-minütigen Show legt. Eher passt sie noch zur letzten Station, der Son-et-lumière-Fantasie im ehemaligen Theatersaal. Die halb unter Wasser stehende Höhle mutiert zur prächtig in Szene gesetzten Landschaft vom anderen Stern.

Das Tageslicht danach ist ernüchternd und blendend. Die Eindrücke bleiben, wer mehr wissen will, muss lesen. Oder auf ein eventuelles Museum im Steinberghaus am Stolleneingang warten: eine Nachnutzung? (Michael Freund, DER SDTANDARD Printausgabe 21.4.2005)

"Berg der Schätze" ist ab 24.4. täglich von 9–18 Uhr geöffnet.

Links

Salzwelten

Im Salzbergwerk - ein Beitrag zum Abbau von taubem Gestein

  • Salzwelten "Berg der Schätze" ist Teil der steirischen Landesausstellung "Narren & Visionäre. Mit einer Prise Salz"

    Salzwelten "Berg der Schätze" ist Teil der steirischen Landesausstellung "Narren & Visionäre. Mit einer Prise Salz"

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