Keine Arbeit bei vollem Lohn

27. April 2005, 21:21
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Das britische Independent-Label Poptones und neue Stars wie The Others

Wien – Möglicherweise wird man mit niedlichen Bärchen-Bandnamen wie The Paddingtons außerhalb Großbritanniens nicht übertrieben berühmt. Immerhin verbreitet die noch etwas babygesichtige Band mit ihrem in bester heimischer Tradition fröhlich zwischen den melodieseligen Beatles und frühreifem Nihilismus torkelnden Gitarrensongs wie "Panic Attack" recht nachdrücklich den zweifelhaften Charme von britischen Backsteinsiedlungen.

In die wankt man Sonntagmittag bekanntlich gern vollgepumpt mit Speed nach einer zweitägigen Sauftour zurück, nachdem man die ganze Sozialhilfe gleich am Monatsersten durchgebracht hat.

Allerdings weiß Alan McGee, der 44-jährige Mentor und derzeit Chef des vor allem auch im Internet aktiven Labels Poptones, nun schon seit zwei Jahrzehnten, was der unnütze und aufsässige britische Teenager gerne als Soundtrack zum Drogenmissbrauch hört: unnütze und aufsässige Musik, die zum Drogenmissbrauch einlädt und deren Protagonisten noch hässlicher sind als das Zielpublikum.

McGee spielte Mitte der 80er mit Biff Bang Pow! nicht nur schrammeligen, nervösen und niedlichen Britpop, der später mit anderen Bands wie The Wedding Present unter der Kategorie "C 86" ("The Class of 1986") subsumiert wurde. Für sein legendäres Label Creation entdeckte er damals auch stilprägende Bands wie The Jesus & Mary Chain, Primal Scream, My Bloody Valentine – und zuletzt vor allem Oasis.

Nach einem drogenbedingten Karrierestopp kehrte McGee vor einigen Jahren nicht nur zu seinen Anfängern als Club-Impresario zurück ("Death Disco"). Er verkaufte Creation auch gänzlich an Sony. Und er bäckt damit als abgeklärter Multimillionär mit seiner Firma Poptones wieder kleinere, aber mitunter eben auch kernigere Brötchen.

Zurzeit sind das neben den Paddingtons, dem weiblichen Synthie-Trio Soho Dolls mit seiner Charmebombe Prince Harry oder jungen Acts wie The Boxer Children, Kill City und Echelon etwa auch die famosen Cockney-Rocker The Others um den charismatischen Dominic Masters.

Verweigerung!

Der kann im Stile von Punk-Übervater Iggy Pop weder singen noch im Takt intonieren. Wie The Others auch im ästhetischen Sinn schlichtweg eine Katastrophe sind: Einer aus der Band sieht aus wie der Geldeintreiber eines serbischen Kulturvereins. Einer wie ein übergewichtiges Kind, das beim ORF-Kiddiecontest Gruftie-Gottheit Robert Smith von The Cure nachmacht. Die restlichen zwei erinnern an Hooligans, die wegen diverser blöder Geschichten noch immer nicht von der Fußball-EM in Portugal nach Hause zurückgefunden haben.

Songs wie die große Verweigerungshymne Lackey ("I don't wanna be a lackey in a job that doesn't pay!") oder das rührende This Is For The Poor (Not For The Rich Kids) weisen schließlich auch darauf hin, dass hier äußerst geschichtsbewusst gearbeitet wird. Alan McGee weiß natürlich genau, dass er mit dem jetzt über Universal vertriebenen, selbstbetitelten Debüt "The Others" eine auch international verkaufbare, hemdsärmelig inszenierte Arbeiterklassen-Sensation im Geiste von Oasis im Ärmel hat.

Immerhin bezieht der Sound der Revolte in Großbritannien zwar seit jeher seine Protagonisten gerne aus den Kunsthochschulen des Landes. David Bowie, Roxy Music, Punk, New Wave bis zum heutigen Erfolg von Franz Ferdinand wären ohne abgebrochene Lehramtsstudien gar nicht machbar gewesen.

Ein gehöriger Schuss (ironisch gebrochene) Kultur des Proletariats ist einem Fortkommen aber keineswegs abträglich, wie uns in Punkzeiten schon einmal Diplomatensohn Joe Strummer von The Clash als selbststilisierter Arbeiterheld vorführte.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.4.2005)

Von
Christian Schachinger
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