"Das Gewissen kommt vor dem Gehorsam gegenüber den Gesetzen"

6. Juli 2005, 21:22
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Der französische Globalisierungskritiker José Bové im derStandard.at-Chat: Würde für Rechte der Bauern wieder ins Gefängnis gehen

Der französische Globalisierungskritiker und Bauerngewerkschafter José Bové (Siehe: "Asterix" gegen die Globalisierer auf derStandard.at/Investor) machte bei seiner Tour durch Österreich auch bei derStandard.at Station. Im Chat mit den UserInnen meinte er angesprochen auf seine Verhaftungen, dass das Gefängnis oft auf dem Weg sei, wenn man für seine Ideen kämpfe. Er würde den Kampf für die Rechte der Bauern aber dennoch fortsetzen.

Gefahr

Was ihn veranlasse so radikal zu sein? "Heute ist der Planet in Gefahr, die Mehrheit der Landwirte sind weltweit bedroht, es gilt jetzt konkret zu handeln, um die Situation radikal zu verändern."

Zukunft

Die Zukunft der Bauern in Europa wünscht sich der Franzose: "Man muss gegen die neue EU-Landwirtschaftspolitik aus dem Jahr 2003 ankämpfen, oder sie widerrufen und eine neue Politik abgekoppelt vom freien Handel in Kraft setzen. Die WTO muss sich aus der Landwirtschaft raushalten."

EU bis "Butterberg"

Inhaltlich nahm Bové zu den verschiedensten Themen von EU, Gen-Food, Subventionen, biologischer Landwirtschaft bis zu "Butterbergen" Stellung.

Erfolge und Vorbild

Als die Erfolge, auf die er am liebsten zurück blickt, nennt Bové das Scheitern der WTO-Konferenzen in Seattle und Cancun. Sein "Vorbild ist Sisyphus, der immer wieder seinen Stein den Berg hinaufträgt, aber der es mit einem Lachen macht." (rasch)

MODERATOR derStandard.at begrüßt den Globalisierungskritiker und Bauerngewerkschafter José Bové im Chat. Da wir die Fragen und Antworten simultan auf Französisch übersetzen, bitte wir um kurze, klare Fragen. Es kann losgehen ...
Jose Bove

foto: derStandard.at/simon graf

Ich begrüße die User von derStandard.at

MODERATOR UserInnenfrage per Mail: Bonjour Monsieur Bove! Sind Sie mit dem Traktor angereist? Müssen sich österreichische Mc Donalds-Filialen jetzt fürchten?
Jose Bove Ich bin nicht mit einem Traktor gekommen, aber ich werde heute in Baden an der Demonstration gegen die Preissenkung im Milchsektor teilnehmen.
rafaela Sind Sie eigentlich ein Befürworter der biologischen Landwirtschaft?
Jose Bove Ja, ich bin ein Befürworter der biologischen Landwirtschaft, aber ich möchte mich auch um soziale Aspekte kümmern und den Bauernstand bewahren.
phil2105 Wie stellen Sie sich die Zukunft der Bauern in Europa vor?
Jose Bove Man muss gegen die neue Landwirtschaftspolitik aus dem Jahr 2003 ankämpfen oder sie widerrufen und eine neue Politik abgekoppelt vom freien Handel machen.
Jose Bove Die WTO muss sich aus der Landwirtschaft raushalten.
philia Was lässt Sie so radikal sein? Muss man eine andere Sprache wählen, um Gehör zu finden?
Jose Bove Heute ist der Planet in Gefahr, die Mehrheit der Landwirte ist weltweit bedroht, es gilt jetzt konkret zu handeln, um die Situation radikal zu verändern.
Mr. Europe Wie werden Sie und die französischen Bauern am 29. Mai über die EU-Verfassung abstimmen?
Jose Bove Mehr als 70 Prozent werden mit "Nein" stimmen.
Jose Bove Zwei Drittel dieser Verfassung sind nur wirtschaftliche Regeln, die Verfassung integriert das neoliberale Modell in Europa, daher gehört sie neu verhandelt.
phil2105 Sind Sie prinzipiell gegen die EU? Oder nur gegen ihre Agrarpolitik?
Jose Bove Ich bin Europäer, aber ich spreche mich gegen das wirtschaftliche und soziale Modell der EU aus.
Jose Bove Die Regeln sind jene der WTO.
max74 Was macht die EU falsch?
Jose Bove Demokratie gibt es in der heutigen Europäischen Union nicht. Man muss eine Verfassung erarbeiten, die die Macht den BürgerInnen übergibt. Das europäische Parlament muss die Gesetze für Europa vorschlagen können, die BürgerInnen müssen eine Kontrollmöglichkeit über die Kommission haben.
phil2105 Wie sollen Preisstützungen finanziert werden?
Jose Bove Der Basispreis der Lebensmittel sollte durch die Produktionskosten festgelegt sein. Dies sollte auch ein ausreichendes Einkommen der Landwirte beinhalten.
Jose Bove Die Subventionen in der Landwirtschaft müssen für die benachteiligten Gebiete verwendet werden, die nicht zu diesen Preisen produzieren können.
MODERATOR UserInnenfrage per Mail: Glauben Sie nicht, dass illegale Aktionen wie Mc Donalds zerlegen und Gen-Pflanzen ausreißen dem Ansehen Ihrer Bewegung und letztlich der Sache schaden?
Jose Bove Wenn die BürgerInnen keine andere Möglichkeit zum Reagieren haben, muss man die Verantwortung übernehmen, aus der Legalität ausbrechen. Das Gewissen kommt vor dem Gehorsam gegenüber den Gesetzen.
Durito Was halten Sie von den sogenannten Fairtrade Organisationen?
Jose Bove Ich glaube es ist ein pädagogisches Instrument, um den KonsumentInnen die realen Lebensmittelpreise und die Situation der Bauern/Bäuerinnen im Süden zu übermitteln.
phil2105 Was für eine Nachticht richten Sie an die Verbaucher? Wie sollen die sich verhalten?
Jose Bove Die KonsumentInnen sollen regional einkaufen. Sie müssen akzeptieren, einen korrekten Preis zu bezahlen, um die Bauern / Bäuerinnen gerecht zu entlohnen.
badboi Warum glauben sie, sind die österreichischen Bauern und Bäuerinnen immer noch hauptsächlich ÖVP, also konservativ orientiert, obwohl eigentlich die von den Bauern und Bäuerinnen oft verhassten Grünen ihre Interessen viel besser vertreten?
Jose Bove Auf diese Frage kann ich nicht antworten, dazu kenne ich die Situation zu schlecht.
Jose Bove Aber ich denke, dass heutzutage immer mehr Bauern / Bäuerinnen verstehen, dass die liberale wirtschaftliche Logik ihren Interessen widerspricht.
interciatic Darf man/ frau überhaupt eine Coca Cola zum Mc. Donalds-Menü trinken und danach eine Marlboro rauchen?
Jose Bove

foto: derStandard.at/simon graf

Alle Laster sind menschlich.

philia Ich stolpere immer wieder über den Zynismus, dass hierzulande "Butterberge" produziert und vernichtet werden, während viele hungern. Wie kann man diesem Kreislauf von Förderung, Überproduktion und künstlicher Preisgestaltung entkommen?
Jose Bove Wir schlagen das Konzept der "Ernährungssouverinität" vor. Im Vordergrund steht die Produktion für den regionalen Markt. Eine Selbstbestimmung der Länder in der Agrarpolitik, das Recht der Länder sich gegen Dumping zu verteidigen, die durch den subventionierten Überschuss entstehen.
max74 Welche französische Partei vertritt Ihre Interessen am besten?
Jose Bove Wir verteidigen die Rechte aller Bauer/ Bäuerinnen und sind mit keiner politischen Partei verheiratet.
dkp Auf welche bisherigen "Erfolge" blicken sie gerne zurück?
Jose Bove Das Scheitern der WTO-Konferenzen in Seattle und Cancun.
asdf3025 Wie wirkt sich die EU-Osterweiterung auf die Bauern in Westeuropa aus?
Jose Bove Die Bauern/ Bäuerinnen im Westen haben durch die Erweiterung nichts zu befürchten. Es sind die Bauern / Bäuerinnen im Osten, die durch die europäischen Regeln gefährdet sind.
MODERATOR Warum waren Sie eigentlich in Haft? Finden Sie, dass Sie zurecht im Gefängnis waren? Bereuen Sie Ihre Tat?
Jose Bove

foto: derStandard.at/simon graf

Wenn man für seine Ideen kämpft, liegt das Gefängnis oft auf dem Weg, aber ich bin immer mit erhobenem Kopf ins Gefängnis gegangen, ohne jemals meine Kämpfe zu verleugnen. Wenn ich morgen nochmal ins Gefängnis müsste, würde ich wieder die Verantwortung übernehmen und ich setze den Kampf fort - für die Rechte der Bauern und für die Zukunkft des Planeten.

Jose Bove Ich wurde mehrmals verhaftet. Das erste Mal 1976, ich hatte meinen Grund und Boden gegen die Armee verteidigt, und 1999 und 2002 für die Demontage der McDonalds-Baustelle. 2003 für das Ausreißen von gen-veränderten Pflanzen.
MODERATOR UserInnenfrage per Mail: Wie gehen Sie mit dem Starkult um Ihre Person um?
Jose Bove Die Kämpfe in der Gesellschaft werden immer von Menschen geführt, aber das Wichtige ist, dass die Bewegung kollektiv geführt wird und sich erweitert. Ich verweigere jeden Profit aus dieser Situation, und die Verantwortung in der Bewegung ist geteilt.
1234d Wieso sollten den Bauern Subventionen zustehen, wo diese in anderen Bereichen gekürzt werden. Es gibt in Europa wahrscheinlich mehr Arbeitslose als Bauern - sollte man nicht zuerst für die etwas tun?
Jose Bove Es gibt keine Agrarpolitik ohne Unterstützung. Für die meisten Länder wäre es die erste Maßnahme, sich gegen Dumping-Importe zu wehren. Wenn die EU heute die Arbeitslosen nicht unterstützt, dann, weil sie keine Sozialpolitik führt. Im Gegenteil: Mit der Initiative Bolkenstein werden die Arbeitnehmer in der EU in Konkurrenz gesetzt. Ich unterstütze die Einführung einer sozialen Charta, die die Rechte der Arbeitnehmer sicherstellt und einen gerechten Mindestlohn sichert.
MODERATOR UserInnenfrage per Mail: Verlieren Sie nie den Mut?
Jose Bove Ich definiere mich als aktiver Pessimist, mein Vorbild ist Sisyphus, der immer wieder seinen Stein den Berg hinaufträgt, aber, der es mit einem Lachen macht.
MODERATOR derStandard.at bedankt sich bei Herrn Bové und den UserInnen und beim Übersetzer (mit passendem Namen Bauer). Au revoir, Mahlzeit, schönen Tag noch und auf Wiederchatten!
Jose Bove

foto: derStandard.at/simon graf

Au Revoir. Il faut globaliser les luttes pour globaliser l'espoir.

 

Lesestoff zum Thema: José Bové, Francois Dufour: "Die Welt ist keine Ware"

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