Doppelt diskriminiert

2. Mai 2005, 10:00
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Der Verein "ViennaMix" bringt seit einem Jahr LesBiSchwule MigrantInnen zusammen und hilft bei ver­schärften Problemlagen

Mit gesellschaftlichen Ausschlüssen ist es so eine Sache: Wenn eine Person aufgrund ihrer Biographie gleich von zweien "betroffen" ist, dann verdoppeln und überlagern sich auch ihre Diskriminierungserfahrungen. So auch bei migrantischen Lesben, Schwulen und Transpersonen, deren Probleme mannigfaltig, aber kaum dokumentiert sind. Um genau dieses Bewusstseins- und Informationsdefizit abzubauen, wurde vor zwei Jahren "ViennaMix" gegründet. Der Verein bietet "lesbischwulen MigrantInnen" eine Plattform, auf der Informationen weitergeleitet und ausgetauscht werden können und niederschwellig bei anfallenden Problemen geholfen wird. Dieser Tage feierte "ViennaMix" sein einjähriges Beratungsjubiläum.

Coming-Out und die Folgen

Ewa Dziedzic, die Obfrau von ViennaMix, weiß, dass das Coming Out für MigrantInnen ein spezielles Problem sein kann: "Oft geht es um die Angst, durch das Coming-Out die Solidarität und die Infrastruktur, die die Herkunfs-Community bietet, zu verlieren." Hinzukommen kämen materielle Probleme, rechtliche Schwierigkeiten, Aufenthaltsprobleme oder familiäre Abhängigkeitsverhältnisse, die den Handlungsspielraum einschränken. "Viele fühlen sich deshalb isoliert oder mehrfach ausgeschlossen, führen ein Doppelleben und wagen erst gar kein Coming-Out", so die ehrenamtliche Beraterin.

ViennaMix geht den Weg, ihren "KlientInnen" einen Raum zu schaffen, wo sie niederschwellig über ihre Probleme sprechen können. Zweimal die Woche treffen sie sich in einem Lokal und schaffen so ein "Wir-Gefühl" unter den MigrantInnen. Für heiklere Probleme können auch Einzeltermine mit den MitarbeiterInnen ausgemacht werden, oder die mehrsprachige Beratung läuft per E-Mail ab.

Breites Themenspektrum

Die Themen der Beratung sind dabei so vielfältig wie die Zielgruppe von ViennaMix. Männlichen Prostituierten, die in Wien besonders häufig aus der Türkei, Rumänien oder Bulgarien stammen, wird Zugang zu Informationen über AIDS-Prävention und anderen Gesundheitsthemen verschafft. Andere suchen rechtliche oder psychologische Hilfe oder einfach nur sozialen Anschluss.

ViennaMix sieht seine Aufgabe auch darin, andere Lesbischwule- und MigrantInnen-Organisationen zu informieren und eine Bewusstseinsprozess in Ganz zu setzen. "Viele MigrantInnen leben in sehr traditionellen und patriarchalen Strukturen, in denen lesbisch- oder transgendersein noch als Krankheit angesehen wird. Um diese Einstellungen zu ändern, bedarf es an Aufklärung und Fortbildung und einer Vernetzung von LesbiSchwulen und MigrantInnen-Vereinen". Und nicht nur von Seiten der Herkunftscommunities gibt es Sensibilisierungsbedarf: "In den LesBiSchwulen und Transgender-Szenen, die von ÖsterreicherInnen dominiert sind, gelten wir oft als 'exotisch' und unpassend", erklärt Dziedzic.

Geburtstag

"Einen Grund zum Feiern" sieht ViennaMix mit ihrem einjährigen Bestehen allemal. Die ehrenamtlich durchgeführte, anonyme und mehrsprachige Beratung wird in der Szene angenommen und auch der Kontakt zu anderen LesBiSchwulen- und MigrantInnen-Organisationen funktioniert. Der Vorstellung von einem eigenständigen Informationszentrum über die vielfältigen Problemfelder LesBiSchwuler MigrantInnen wird sich auf Dauer freilich nur mit einer Subventionszusage verwirklichen lassen. Die lässt aber vorläufig noch auf sich warten. (freu)

  • ViennaMix-Obfrau Ewa Dziedzic
    foto: ewa dziedzic
    ViennaMix-Obfrau Ewa Dziedzic
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