"Die Chance auf Veränderung lebt"

13. Mai 2005, 11:36
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Die österreichische Kirche reagierte auf die Papstwahl recht unter- schiedlich: Zur bischöflichen Euphorie gesellten sich kritische Stimmen, die Benedikt XVI. aber durchaus auch Reformen zutrauen

Die österreichischen Bischöfe stellen sich einen Tag nach der Wahl Josef Ratzingers zum neuen Papst naturgemäß geschlossen hinter den neuen Pontifex. Allen voran zeigte sich der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn am Mittwoch überglücklich. "Ich danke vor allem Gott, aber auch uns Kardinälen, dass wir den Mut hatten, ihn überzeugend zu wählen und dass er den Mut hatte auch Ja zu sagen", so Schönborn. Er erwarte sich von Ratzinger, dass dieser als "würdiger und überzeugender Nachfolger des Apostel Petrus" das oberste Amt in der Kirche mit "großer Liebe, Klarheit und Hingabe" ausführen werde.

Auch der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari stimmte im STANDARD-Gespräch in die Lobeshymnen ein: "Josef Ratzinger vereinigt eine brillante Intelligenz mit großer Herzkraft und viel sanftem Humor. Er wird die gegensätzlichen Flügel in der Kirche mehr in der gemeinsamen Glaubenstiefe zusammenführen und auf einem Weg nach vorne begleiten".

Der Linzer Diözesanbischof Maximilian Aichern ist überzeugt, dass Josef Ratzinger ein "guter Papst" sei, der den Weg des zweiten vatikanischen Konzil weitergehen konsequent weitergehen werde.

Eher zurückhaltend fiel die Reaktion von St. Pöltens Altbischof Kurt Krenn aus, dessen Verhältnis zum neuen Pontifex getrübt sein dürfte. Er habe sich sehr gefreut und schon als der weiße Rauch aufstieg gewusst, "jetzt ist es fix der Ratzinger", ließ er über seinen Sprecher ausrichten.

Enttäuscht zeigte sich der evangelisch-lutherische Bischof Herwig Sturm. Er sehe in der Wahl Ratzingers "nicht den Aufbruch, den viele erhofft haben, sondern die Fortführung des bekannten Kurses". Gedämpfte Euphorie auch bei der Plattform "Wir sind Kirche". Eine gewisse Enttäuschung sei sicher nicht zu leugnen, denn man habe auf einen Reformer gehofft, so Plattform-Mitglied Ingrid Thurner. Aber es gebe Hoffnung: "Ratzinger wird einen eigenständigen Weg gehen und wenn ich seine früheren Schriften lese, gilt: Die Chance auf Veränderung lebt."

Die Vorsitzende der katholischen Frauenbewegung, Margit Hauft, zitiert im STANDARD-Gespräch mit Worten "An seinen Früchten wird man ihn erkennen" Biblisches. Es dürfe jetzt nicht zu einer Vorverurteilung kommen, und man müsse dem neuen Papst eine faire Chance geben. "Man darf nicht erwarten, dass sich nach solch einem starken Pontifikat alles schlagartig ändert. Ein Kurswechsel ist aber realistisch". Es sei durchaus möglich, dass der neue Papst seine "vielleicht manchmal harte Kardinals-Schale ablegt, und aus einem völlig anderen Blickwinkel auf die Menschen zu geht", glaubt Hauft.

Vom bisherigen Weg Ratzingers auf sein Pontifikat zu schließen, ist für Caritas-Präsident Franz Küberl unmöglich: "Er war die Torwache des Glaubens und jetzt wird er zum Brückenbauer, das ist ja eine völlig neue Funktion. Es wird aber sicher spannend sein, zu schauen, wie er diese Brücken zwischen den Religionen und zwischen Arm und Reich schlagen wird." (DER STANDARD, Print, 21.04.2005)

Von Markus Rohrhofer und Colette Schmidt
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    Kardinal Christoph Schönborn

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