"Diskutieren nicht über eine Milliarde"

2. Mai 2005, 11:47
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Anhand der neuen Streckenerfolgsrechnungen weiß die ÖBB-Betrieb AG nun genau, wo die Bahn am meisten Geld verliert. Jetzt wird über Kostenbeteiligung gefeilscht

Wien - Der Druck auf Länder und Gemeinden, unrentable Bahnstrecken zu zahlen, steigt. Um Kostenwahrheit zu schaffen, hat die für Erhaltung und Betrieb des Schienennetzes zuständige ÖBB-Infrastruktur Betrieb AG die rund 11.000 Gleiskilometer in 200 Abschnitte gegliedert und auf Kostendeckung überprüft.

Das Ergebnis: 90 Prozent des Verkehrs findet auf 60 Prozent des Schienennetzes, vor allem den Hochleistungsstrecken, statt, der Rest auf dem Regionalnetz, das teilweise weniger als 20 Prozent Kostendeckung aufweist. Am lukrativsten, weil am besten ausgelastet, sind Westbahn und Brennerachse, wo Güter- und Personenzüge abschnittsweise sogar Gewinne einfahren.

Problem Nebenbahn

Überdurchschnittlich gut ausgelastet ist auch die Südbahn zwischen Meidling und Mödling, während Strecken im Waldviertel kaum Deckungsbeiträge aufweisen. Querbeet dürften die 11.000 Gleiskilometer eine Deckung von 30 Prozent haben.

Dass die ÖBB-Betrieb-Chefs Alfred Zimmermann und Peter Klugar nun alle Zugverbindungen auf den Prüfstand stellen, verwundert nicht. Das Zauberwort heißt "Bestellerprinzip", Länder und Gemeinden werden zuzahlen müssen. "Wir diskutieren mit Ländern und Gemeinden jetzt aber nicht mehr pauschal über eine Milliarde, sondern über einzelne Strecken und deren Deckung", sagt Klugar.

Ein Blick auf das Budget der Infra-Betrieb AG verdeutlicht den Druck: Von den rund zwei Milliarden Euro an Aufwändungen entfallen heuer 866 Mio. auf das Personal, 491 Mio. auf Material und Wartung und 306 Mio. auf Konzernaufwändungen (inkl. Betriebskosten). 367 Mio. Euro werden als Nutzungsentgelt ("Pacht") an die Infra-Bau-AG weitergereicht, sie ist der Besitzer des Schienennetzes.

Dem gegenüber stehen an Erträgen: 365 Mio. Euro "Schienenmaut", die Personen- und Güterverkehr an die Betrieb AG zahlen müssen; 622 Mio. Euro kommen als Konzernerträge und Bauleistungen, und 40 Mio. Euro über externe Aufträge herein; 1,006 Mrd. Euro zahlt der Bund.

Personalstand soll jährlich um 5 Prozent gesenkt werden

"Bis ein mechanisches Stellwerk durch ein elektronisches ersetzt wird, vergehen drei bis fünf Jahre," sagte Zimmermann im Klub der Wirtschaftspublizisten. Geplant sei, den Personalstand von derzeit 20.000 jährlich um fünf Prozent zu senken, was den Personalaufwand heuer von 916 auf 866 Mio. Euro verringern soll. Insgesamt seien seit 2002 im Betrieb 200 Mio. Euro eingespart worden, der Bundesbeitrag habe sich um 41 Mio. Euro reduziert.

Zwischen den Einnahmen aus Schienenmaut und den Ausgaben aus der Pacht für die ÖBB-Bau AG wird 2010 ein Loch von rund 90 Mio. Euro klaffen. (ung, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.4.2005)

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