Wert des Menschen auf dem Lohnzettel

2. Mai 2005, 12:18
49 Postings

Der Berliner Soziologe Wolfgang Engler, Autor des Buches "Bürger, ohne Arbeit", im STANDARD-Interview über die vergessenen Bedeutungen von Ökonomie

STANDARD: Zum deutschen Jobgipfel hat man Sie nicht geladen. Was hätten Sie gesagt?

Engler: Ich hätte versucht, die Denkweise zu verändern. Der Jobgipfel war der kleinste gemeinsame Nenner der Parteien. Inzwischen spricht sogar die CDU/CSU von einem Mindestlohn. Das sind Geplänkel und Details, die hier und da richtig sein können, aber in einem verfehlten Bezugssystem stecken. Ich glaube, die Politik sagt seit den 70ern, seit sie mit der Krise der Erwerbsarbeitsgesellschaft konfrontiert ist, der Bevölkerung weder die Wahrheit noch traut sie sich, etwas anzubieten, was dem Problem gerecht wird.

STANDARD: Und wie beschreiben Sie die heutige Lage?

Engler: Nicht, wie alarmistische Kollegen, dass der Gesellschaft die Arbeit ausgehe. Aber das Versprechen der Lohnarbeitsgesellschaft, dass fast alle, die das nötig haben oder wünschen, ihr Leben durch abhängige Arbeit begründen können, ist gebrochen. Die über fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland nach der neuen Kategorisierung durch Hartz IV sind nicht die ganze Wahrheit. Zählt man die hinzu, die in Weiterbildung sind, unfreiwillig im Vorruhestand, die studieren, obwohl sie nicht wollen oder die Entscheidung hinauszögern, müssen wir von acht, neun Millionen ausgehen.

STANDARD: Ökonom Keynes hat geschrieben, Freiheit entstehe aus Zinseszins und Wissenschaft. Ist das Abnehmen der Arbeit auch positiv zu sehen?

Engler: Es ist nicht leicht, diese Perspektive heute zu vermitteln. Inhalt der Ökonomie ist eigentlich Arbeitszeitersparnis. Zweck ist nicht, dass Menschen ihr ganzes Leben mit Arbeit verbringen, Arbeit das Zentrum der Gesellschaft ist. Das Notwendige zum Leben soll so weit wie möglich rationalisiert und zurückgedrängt werden, dass andere Aspekte in den Vordergrund treten können.

STANDARD: Seit wann ist Arbeit derart zentral?

Engler: Lange waren die tonangebenden Schichten in der Gesellschaft von der Arbeit emanzipiert. Erst der Beginn der industriellen Revolution um 1770 setzt eine Zäsur. Es entsteht ein Affekt gegen die, die keine Arbeit leisten, gegen die parasitären Gruppen, gegen Klerus und Adel: Jeder soll arbeiten. Auch die Kapitalismuskritik kann sich schwer vom Gedanken lösen, dass Arbeit des Menschen Identität bestimmt. Sie müsste nur rationell organisiert, vom Konkurrenzmechanismus gelöst werden. Mit der Alternativenlosigkeit ist etwas Neues in die Geschichte getreten.

STANDARD: Der Arbeitsmangel schlägt sich schon deutlich auf den Konsum. Ein Teufelskreis?

Engler: Es wird ja Arbeit freigesetzt, weil die Wirtschaft so enorm produktiv ist, weil heute die Hälfte der Arbeitszeit reicht, um das zu produzieren, was eine Arbeitskraft 1960 geleistet hat. Arbeitslosigkeit ist der Zerrspiegel einer enormen Produktivität. Wenn ich arbeite, erwerbe ich Ansprüche. Soll diese Gleichung aufrechterhalten werden, stellt sich das Problem der Realisierung des Reichtums. Deswegen dachten liberale Ökonomen in den USA in den 1960er-Jahren über ein Konsumgeld nach.

STANDARD: Darauf baut auch Ihre Idee eines Bürgergelds auf. Wie soll das funktionieren?

Engler: Das Prinzip zielt darauf, dass Menschen Bürger bleiben können auch ohne Arbeit. Beispiel: Ein festgelegtes Bürgergeld wird an alle gezahlt, an Arbeitslose wie an Topverdiener, die dadurch natürlich in die Steuerprogression fallen, entsprechend zurückzahlen. Daran knüpfen sich leider größere technische Probleme. Aber es würde beim Blick auf den Lohnzettel deutlich machen, dass es einen Wert hat, Bürger in dieser Gesellschaft zu sein, und dass diese Tatsache auch dann noch gilt, wenn es im Erwerbsleben eine Krise gibt.

STANDARD: Wiedereinführung der DDR durch die Hintertüre?

Engler: Die Idee ist, verschieden ausgeprägt, alt. Als Perikles in Athen regierte, im fünften vorchristlichen Jahrhundert, kam man zum ersten Mal auf die Idee einer aktivierenden Sozialhilfe, auch auf eine Abgeltung für die Teilnahme am bürgerlichen Leben. Der Gedanke eines Rechts auf Leben taucht immer wieder auf, in den Revolutionsgesetzen in Frankreich wie im frühindustriellen England durch die Steuerung des Brotpreises. Das ist keine Idee des Staatssozialismus oder repressiven Kommunismus, sondern eine Menschheitsidee. Natürlich ist sie heute gegen den Zeitgeist. Es gibt heute keine politische Konstellation, in der das Platz nehmen könnte. Wir leben in einer Zeit der geistigen Doppelherrschaft. Man versucht noch, das Alte - also die Vollbeschäftigungsgesellschaft - hochzuhalten, auch um den Preis permanent gebrochener Versprechen. Man gefährdet dadurch das Vertrauen der Menschen in die Institutionen. Auf der anderen Seite gibt es auch schon das Neue. Es gibt Versuche von Menschen, sich vom Gedanken zu lösen, dass eine gewisse Form von Arbeit auf Dauer ihr Leben bestimmen muss. Der große Lehrmeister wird die Krise sein - das war ja 1929 auch so. Denken Sie dabei aber auch an das aktuelle Buch von Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Er macht den Sozialstaat zum Grund der Kriegsführung: Deutschland hat dem Volk nach 1933 viel vorgestreckt und ist 1938 pleite, es braucht deswegen Tributpflichtige, muss deswegen die Welt mit Krieg überziehen. Eine forcierte These, die wunderbar ins Kalkül der Staatsverächter aller Couleur passt.

STANDARD: Hat der Staat noch die Chance, etwas zu bewegen?

Engler: Ich glaube nicht, dass der Nationalstaat Akteur eines Bürgergelds wäre. Ich kann es mir, wenn überhaupt, nur kontinental vorstellen. Wenn man nur ein Zehntel der Fantasie und des Intellekts, die den Euro möglich gemacht haben, darauf verwenden würde, einen europäischen Sozialstaat zu entwerfen - warum soll das nicht gehen? Für mich ist das jedenfalls kein national-soziales Projekt.

STANDARD: Wie beschreiben Sie den heutigen Kapitalismus?

Engler: Das spekulative Moment ist vorherrschend geworden. Es dominieren Kapitalsorten, die industrielle Anlagemöglichkeiten immer weniger aufsuchen, und sich stattdessen kurzfristigeren, auch riskanteren Formen der Kapitalverwertung anvertrauen. Die gewerbliche Produktion gerät dadurch unter denselben Druck, sodass dort gleichzeitig Gewinne gemacht werden und Entlassungen stattfinden. Es ist ein Kasino-Kapitalismus unter Führung des Finanzsektors. Im Zentrum des Kapitalismus steht nicht mehr die Produktion. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.4.2005)

Zur Person

Wolfgang Engler, geb. 1952, Soziologe, lehrt an der Ernst-Busch-Schule in Berlin. Er publizierte zahlreiche Studien über Lebensformen in Ost und West, kritische Analysen über Moderne und Demokratie sowie den Wandel des Politischen und der Öffentlichkeit in industriellen Massengesellschaften.
"Bürger, ohne Arbeit" erschien im Aufbau-Verlag. (red)
  • Autoindustrie nach dem Krieg, Sinnbild für Erwerbsarbeit, für Kapitalismus. Dieser setze laut Engler nicht mehr auf Produktion, der Mensch verliere mit der Arbeit Identität.
    foto: epa

    Autoindustrie nach dem Krieg, Sinnbild für Erwerbsarbeit, für Kapitalismus. Dieser setze laut Engler nicht mehr auf Produktion, der Mensch verliere mit der Arbeit Identität.

  • Artikelbild
    foto: standard
Share if you care.