Körpersensationen ohne verständigen Liebhaber

27. April 2005, 21:15
6 Postings

Erstaunlich unsensible, wenig erhellende Schau zum Werk der großen Malerin Maria Lassnig in der Klosterneuburger Sammlung Essl

Die Klosterneuburger Sammlung Essl windet der großen Malerin Maria Lassnig Kränze - und würdigt die aus Kärnten gebürtige Einzelgängerin mit einer erstaunlich unsensiblen, die künstlerische Manie wie das Durchhaltevermögen wenig erhellenden Schau.


Klosterneuburg - Es ist gerade einmal sechs Jahre her, da konnte man im Wiener 20er-Haus eine Retrospektive auf das Werk von Maria Lassnig, geboren 1919 in Kappel am Kärntner Krappfeld, sehen und feststellen, dass die sich mit aller Vehemenz gegen eine retrospektive Betrachtung sträubt, konnte erleben, dass die damals 80-jährige Künstlerin nicht gewillt war, auch nur daran zu denken, ein Spätwerk einsetzen zu lassen, als tänzerisch routiniertes Zusammenfassen längst abgehandelter Themen.

Maria Lassnigs introspektive Erlebnisse, die irgendwann einmal in Body-Awareness umgetauft wurden, trafen in einer Unmittelbarkeit, die jede chronologische Reihung der Bedeutungslosigkeit überführte. Da waren einfach gute Bilder ausgestellt. Und das war gut so. Es war ein Moment, erneut festzustellen, dass die Lassnig dem Lob, das sie in späten Jahren traf, jahrzehntelang voraus war.

Und kurz darauf fand sie sich dann auch an der Spitze der Charts wieder, welche die Kunstvermittler nicht müde werden aufzustellen, um derart die Wandlung von Betroffenheit in Handelsware zu vollziehen.

Kunstvirus

Letztlich ist alles eine Frage des Körpers, hat Maria Lassnig am eigenen Leib festgestellt, und wird nicht müde, das jedes Bild, jede Zeichnung, jeden Tag zu behaupten - in der Gewissheit, dass ohnehin "jeder echte Künstler ansteckend ist".

Immer "der Ehre voraus", wurde sie nun doch eingeholt. In Klosterneuburg. Dort, in der Sammlung Essl. wurde nunmehr eine Ausstellung ausgerichtet, wie man sie Maria Lassnig nie gewünscht hätte. Eine Ausstellung, die behauptet von Maria Lassnig, von "body", von "fiction" und von "nature" zu sprechen, und doch nur davon kündet, dass einem Mann all das gehört, was zu sehen ist. "Mit der Qualität ihres Werkes ist sie in das Spitzenfeld der internationalen Kunst einzureihen", schreibt der in seinem Vorwort zu seinem Katalog zu seinen Bildern. Und mit ihr er, der Sammler, der die Lassnig noch später entdeckte, als die zu ihrem Ruhm kam, und jetzt zeigt, wie sehr sie mittlerweile die seine ist.

Bilderhaufen

Und so kam es zu einer Anhäufung von Bildern, die keine Retrospektive bilden, und keine Themenschau, die keine Deutung zulässt, und keinen Weg weist. Zu einer Schau ohne Charakter. Nicht eine Leihgabe wurde erbeten, um das Aufgebot auch im Vergleich zu sehen. Und nicht ein Verweis gilt anderen als Essls.

Umso mehr Beweise werden angeführt, die Verbundenheit von Sammlerpaar und Künstlerin hervorzuheben. Die Serie von Schnappschüssen der Unierten gipfelt in eine Mischtechnik Lassnigs, die Frau Essl beim Geschäft des Sammelns feiert: Agnes Collectioneuse felicitations!. Abgebildet ist das Werk in einem Katalog, der auf nachgerade groteske Weise den falschen Eindruck von Maria Lassnigs Bildern vermittelt, der jenes Pathos als schreiendes Grell hinzufügt, das Maria Lassnig in ihren Arbeiten stets verweigert hat. Und der - ganz 19. Jahrhundert - die bekleckerte Palette der Künstlerin zeigt, und zur Maximierung des Erkenntnisgewinns auch noch einen ihrer Pinsel, und eine ihrer Spachteln.

Natürlich sind auch die Filme der Lassnig zu sehen. Und, als noch zur Marktfähigkeit ausbaubare weniger bekannte Werkgruppe, eine Reihe von Skulpturen, die auch schon bei ihrer Präsentation in der Galerie Ulysses, 2002, wenig Eindruck hinterlassen haben. Und natürlich auch sind gute Bilder - ältere wie neue - zu sehen, die, jedes für sich betrachtet, den Besuch lohnen.

Je besser die Körperkondition, desto genauer fühlt man die Körpersensation, je müder der Körper und Geist, desto realistischer wird die Malerei, hat Maria Lassnig um 1970 mit Bedauern festgestellt - ohne sich davon weiter beeindrucken zu lassen. Sie hat nicht aufgehört damit, ihrem Körper allgemein betreffende Bilder abzuringen.

Sie hat Konventionen getrotzt, unzählige Moden überlebt, New York von wenigen Quadratmetern aus begriffen, in den Männern Warlords erkannt, Toren nachjagende Stürmer. Sie hat Sentimentalität als Ausrede erkannt, und Pathos als Gräuel. Sie hat es immer wieder geschafft, zu einfachen Bildern zu finden. Dass Maria Lassnig nun vereinnahmt wird, wird sie auch noch aushalten. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.04.2005)

Von Markus Mittringer

Sammlung Essl
Bis 28. August
  • Maria Lassnigs "Woman Power" erscheint in Kloster- 
neuburg durch die Kaufkraft des Sammler- 
paares Essl erstaunlich gemildert.
    foto: sammlung essl

    Maria Lassnigs "Woman Power" erscheint in Kloster- neuburg durch die Kaufkraft des Sammler- paares Essl erstaunlich gemildert.

Share if you care.