"The Interpreter": Ohr am Weltgeschehen

20. April 2005, 10:01
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Nicole Kidman ist derzeit viel beschäftigt: Aktuell gerät sie in "The Interpreter" als UNO-Dolmetscherin in gefährliche Nähe zu einem politischen Komplott

Wien – Eine Frau wird eines Nachts nach Dienstschluss im UNO-Hauptsitz in New York Ohrenzeugin einer Unterhaltung. Die korrekte Übermittlung von Inhalten ist ihr Beruf. Aber weil das Übersetzen und Verstehen eines Satzes kontextabhängig sind, beginnt sie dessen mögliche Bedeutung erst langsam zu verstehen: Was sie gehört hat, deutet auf ein geplantes Attentat auf einen zentralafrikanischen Staatschef hin.

Der Politthriller The Interpreter (Die Dolmetscherin) trägt die Berufsbezeichnung seiner Heldin im Titel: Nicole Kidman, deren Output derzeit auch für Hollywood-Star-Verhältnisse außergewöhnlich ist (sechs Filme mit ihr befinden sich derzeit dem Vernehmen nach in Planung, Produktion bzw. Postproduktion), spielt die Simultandolmetscherin in dem britisch-amerikanischen Joint venture mit der gebotenen konzentrierten Strenge.

Silvia Broome informiert also ihre Vorgesetzten und in weiterer Folge wird der CIA eingeschaltet. Sean Penn betritt als Agent Tobin Keller die Szene. Dieser laboriert noch am Unfalltod seiner Ehefrau, und nicht nur deshalb legt er ausgiebig sein Gesicht in Kummerfalten: Keller misstraut obendrein der Zeugin.

Spurensuche

Anders als etwa in Francis Ford Coppolas The Conversation, in dem sich der Held, ein Abhörspezialist, zunehmend in akustischer Spurensuche verstrickt, wird die Profession der Hauptfigur hier nämlich schnell zur Nebensache. In den Vordergrund rücken stattdessen das Verhältnis zwischen Broome und Keller sowie die politischen Hintergründe: Der Bedrohte, einst ein politischer Hoffnungsträger, ist inzwischen zum gefürchteten Diktator geworden, mit seiner Rede vor der UNO möchte er nur einer Untersuchung wegen Völkermordes zuvorkommen.

Broome selbst ist in dem fiktiven Staat Matobo aufgewachsen, und nach und nach wird enthüllt, dass sie neben ihrer Besorgnis wegen des Anschlags in der Sache noch andere, persönliche Interessen verfolgt.

Inszeniert hat The Interpreter Hollywood-Routinier Sydney Pollack. Dessen interessanteste Arbeiten stammen aus den späten 60er- und den 70er-Jahren (Pferden gibt man den Gnadenschuss; Jeremiah Johnson) und seine kommerziell erfolgreichsten aus den 80ern (Tootsie; Jenseits von Afrika). Als Darsteller stand er unter anderem wie seine nunmehrige Hauptdarstellerin für Stanley Kubricks Eyes Wide Shut vor der Kamera.

Allerdings ist Pollack kein Actionregisseur. Und so nimmt der Film zwar immer wieder Anläufe in Richtung aktionsgeladener Zuspitzung des Geschehens - dabei bremsen einander der Verschwörungsplot sowie die Suspense-trächtige Frage nach der Glaubwürdigkeit der Zeugin und die eher im Bereich des (Beziehungs-)Dramas angesiedelte Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren jedoch wechselseitig aus.

Darüber hinaus zeitigt der konstruierte Polithintergrund befremdliche Nebeneffekte. Matobo - das Produkt von nicht weniger als fünf Autoren - muss für vieles stehen, was man an der westlichen Meldungsfront mit afrikanischen Staaten assoziiert: einstige Befreier, die sich zu Diktatoren wandeln, Kindersoldaten, blutige Bürgerkriege und nicht zuletzt der prekäre Status der Nachkommen der einstigen weißen Kolonisatoren.

Im Film bleibt Matobo letztlich vor allem ein Katalysator für die Traumabewältigung seiner beiden Helden. Wenn sich am Ende, nach dem Verlesen der unzähligen Namen jener, die der rassistischen Politik des Staatschefs von Matobo zum Opfer gefallen sind, in das Gedenken an die Toten auch noch die Erinnerung an die verunfallte Agentengattin mischt, muss man sich doch ein bisschen wundern. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.4.2005)

Von
Isabella Reicher

Ab Freitag (22.4.) im Kino
  • Jenseits von Afrika - die nächste Generation: Nicole Kidman wird in Sydney Pollacks "The Interpreter/Die Dolmetscherin" zur Ohrenzeugin eines Mordkomplotts.
    foto: uip

    Jenseits von Afrika - die nächste Generation: Nicole Kidman wird in Sydney Pollacks "The Interpreter/Die Dolmetscherin" zur Ohrenzeugin eines Mordkomplotts.

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