Auferstehung eines Vereines

17. Mai 2005, 20:54
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Wenn Freiheitliche, egal ob in der blauen oder in der orangen Ausgabe, jene ihrer Wurzeln vergessen machen wollen, ...

Wenn Freiheitliche, egal ob in der blauen oder in der orangen Ausgabe, jene ihrer Wurzeln vergessen machen wollen, die tief in den Nationalsozialismus hinunterreichen, dann berufen sie sich gern auf die demokratischen und liberalen Traditionen der Revolution von 1848, die ihre ideologischen Vorläufer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und später dann, darauf bauend, die Nazis in extrem gesteigerter Brutalität mit Füßen traten.

Der Vollzug dieses ideologischen Spagats ist immer amüsant zu beobachten, und die nun vollzogene Trennung der Spreusorten nach Farben verspricht, dieses Pläsier durch Verdoppelung noch zu steigern. Denn bis zu einem öffentlichen Beweis des Gegenteils unterscheiden sich die beiden Fraktionen lediglich in der Einschätzung von Jörg Haiders Resttauglichkeit als opportunistischer Stimmenmaximierer, jedoch nicht - auch wenn ein anderer Eindruck erweckt werden soll - in den Grundwerten, auf die sie sich berufen.

So stellte sich das BZÖ, geführt vom orangen Propagandisten der ordentlichen Beschäftigungspolitik des Dritten Reiches, in seinem Sonntag beschlossenen Programm wieder einmal in die Tradition der Revolution von 1848, und wurde in der gleichzeitig erschienenen "Zur Zeit", dem Organ des bläulichen Kämpfers gegen die "Umvolkung", die freiheitliche Zukunft eines über 150 Jahre alten politischen Lagers beschworen.

Dennoch wäre es ungerecht, den Freiheitlichen jedweder Spektralfarbe ihren Anspruch, die Hüter menschenfreundlicher Traditionen aus dem 19. Jahrhundert zu sein, gänzlich abzusprechen. Ein freundlicher Leser dieser Kolumne und aufmerksamer Beobachter unserer gegenwärtigen Zustände ließ mir ein Flugblatt aus dieser Ära zugehen, auf dem sich ein gewisser Leopold Engländer als früher Vorläufer Jörg Haiders zu erkennen gab. Unter der Anrede Liebe Brüder und Schwestern!, die die orange Vereinshymne We are family kongenial vorwegnahm, heißt es da wie folgt.

Es hat sich ein Verein gebildet, der Folgendes zum Zwecke hat:

1. Alle Menschen zu beglücken, jede Noth, jedes Elend zu mildern und aufzuheben, und allen Unglücklichen zu helfen.

2. Jeden Geschäftsmann zu unterstützen, jedem Arbeiter Arbeit, jedem Dienstlosen Dienst, jedem vom Schicksal verfolgten Rettung, Schutz und Hilfe zu gewähren.

3. Alle Schulden seiner ihm beigetretenen Mitglieder, seien sie noch so groß, auszugleichen und zu bezahlen (ein geradezu prophetischer Punkt, wie jetzige Schuldenzuweisungen zeigen).

. Den Wucher in jeder Hinsicht aufzuheben und für alle Zeiten auszurotten, so zwar, daß selbst das Wort Wucher aus der deutschen Sprache gestrichen werden wird.

Nach einem Punkt, die Witwen und Waisen betreffend, versprach Herr Engländer sodann 6. Jeden Menschen in seinem Alter mit allen nur erdenklichen Bedürfnissen zu unterstützen, als da sind: Wohnung, Kost, Kleidung, Wäsche, Bäder, Arzneien, chirurgische Hülfe, aber nicht so wie bisher in unsern gewöhnlichen sogenannten Versorgungshäusern, sondern ein sorgenfreies Alter, mit allen jenen Genüssen, die sich bis jetzt nur der Reichthum zu verschaffen im Stande war. Kurz, er versprach Zustände, wie sie erst etwa 150 Jahre später unter Landeshauptmann Jörg Haider in Kärnten herrschen sollten.

Und ganz in dessen Sinne, der Sonntag meinte, es muss anders werden, wenn es gut werden soll, rief dann Herr Engländer auf: Wer also in seinem eigenen, seines geliebten Weibes, und seiner unschuldigen Kinder Interesse, die vielleicht durch des Vaters und der Mutter Tod allen Drangsalen, allem Kummer und Elend Preis gegeben, zuletzt dem Laster in die Hände zu fallen gezwungen werden, dem Vereine beitreten will, der wird eingeladen, sich so schnell als möglich einschreiben zu lassen, denn nur durch den möglichst zahlreichen Beitritt, kann der Verein seine so menschenfreundliche Wirkung beginnen.

Es gibt nur zwei klare, wenn auch nicht wesentliche Unterschiede zu dem Verein, der Sonntag seine so menschenfreundliche Wirkung begonnen hat, indem er in einer Salzburger Flughafenhalle abzuheben versuchte. Das Vereinslokal lag aus städtebaulichen Gründen nicht am Kärntnerring, sondern Währingergasse Nr. 275. Und eine gewisse Einsicht des Herrn Engländer, dass vereinsmeierische Zumutungen im gesunden Menschenverstand eine Grenzen finden könnten: Lacht nicht meine Freunde, über all die wie ihr vielleicht glaubt, übertriebenen Versprechungen, - kommt und überzeugt euch, leset die Statuten dieses Vereines, und ihr werdet dann gewiß überzeugt werden.

Wenn jetzt ziemlich viel über das BZÖ gelacht wird, liegt das nicht nur daran, dass seine Statuten bisher nicht zur öffentlichen Einsicht aufliegen: Von der Übertriebenheit seiner Versprechungen, ist man auch so gewiß überzeugt. Vom Verein zur Aufhebung des Wuchers, zur Tilgung der Schulden der Vereinsmitglieder etc., etc. durch allgemeine Menschenbeglückung hat man in den letzten 150 Jahren nicht viel gehört. Viel verheißend also seine nunmehrige Auferstehung. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.4.2005)

Von Günter Traxler
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