"Signifikanter Preisrückgang bei Rohöl nicht in Sicht"

2. Mai 2005, 12:15
2 Postings

Warum wir uns auf eine längere Periode hoher Rohölpreise einstellen sollten, sagt Johannes Benigni von der Brokerfirma PVM

STANDARD: Die Angst nimmt zu, teures Rohöl könnte das Wirtschaftswachstum bremsen. Sind die Sorgen berechtigt?

Benigni: Sicher. Dass der Rohölpreis signifikant zurückgeht, ist derzeit nicht in Sicht. Der gesamte Markt ist relativ eng. Kapazitätsengpässe treiben die Preise nach oben.

STANDARD: Sollten wir uns auf dauerhaft hohe Ölpreise einstellen?

Benigni: Auf kurze und mittlere Sicht ja. Die Sache ist von zwei Seiten zu betrachten. Derzeit gibt es Reservekapazitäten von rund 1,5 Millionen Fass am Tag. Das ist sehr wenig. Es muss mehr in die Ölproduktion investiert werden.

STANDARD: Wie viel überschüssige Kapazität wäre denn notwendig, damit wieder Ruhe einkehrt auf den Märkten?

Benigni: Vier Millionen Tagesfass wären angenehm; das entspräche knapp fünf Prozent der weltweiten Rohölförderung. Damit wäre man gegen Preisexplosionen gewappnet, wenn ein Hurrikane, ein Erdbeben oder ein Streik einen Angebotsschock auslösen.

STANDARD: Die zweite Seite ...

Benigni: ... betrifft den Downstream-Bereich. In Asien laufen die Raffinerien derzeit auf Hochtouren. Leichte und süße Rohöle werden von weit hergeschafft, um den optimalen Produktmix hinzubekommen. Das wirkt sich natürlich auch in Europa und den USA aus.

STANDARD: Was kann kurzfristig gemacht werden?

Benigni: Maßnahmen setzen zur Eindämmung des Energiekonsums. Auf den Philippinen beispielsweise hat man die Viertagewoche eingeführt, um Energie zu sparen.

STANDARD: Erdöl ist teuer wie schon lange nicht, trotzdem scheint sich am Verhalten der Konsumenten nichts Wesentliches geändert zu haben?

Benigni: Es ist offensichtlich, dass die Treibstoffkosten in Europa doch nicht so stark ins Gewicht fallen, wie oft geglaubt wird. Anders als noch in den Siebziger- und Achtzigerjahren, als die steigenden Rohölpreise auch die Inflation massiv nach oben getrieben haben, sind die Auswirkungen hoher Ölpreise auf das Wirtschaftsgeschehen nicht mehr so dramatisch. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.04.2005)

Zur Person

Johannes Benigni (37) ist Geschäftsführer der PVM Oil Associates GmbH in Wien.

Das Gespräch führte Günther Strobl.

Mehr zum Thema

Ölpreis treibt Inflation weiter an

Link

PVM Oil Associates
Share if you care.