Fahrgastservice

19. April 2005, 19:35
34 Postings

Es war gestern. Eigentlich hätte der Bus ja schon längst losfahren können. Aber der Busfahrer wartete dann doch ...

Es war gestern. Eigentlich hätte der Bus ja schon längst losfahren können. Aber der Busfahrer wartete dann doch noch auf die dickliche Frau. Obwohl sie doch erst am Anfang des vorletzten Häuserblockes unterwegs war. Er, sagte der Busfahrer zu den sechs Mitfahrern, habe es nicht wirklich eilig. Die Frau aber schon. Wahrscheinlich. Sonst würde sie ja nicht rennen seit sie ihn, der Busfahrer meinte wohl seinen Bus, gesehen habe. und das sie etwa drei Häuserblocks weiter gewesen.

Der Bus wartete also. Dass die Ampel vor ihm gerade von rot auf grün geschalten hatte, interessierte den Fahrer nicht: Er ließ die ganze Grünphase in aller Ruhe verstreichen – und sah der dicklichen Frau zu, wie sie mit ihren beiden Taschen schräg über die Straße stampfte, als gälte es den letzten Bus zu erwischen, der sie von diesem Planeten wegbringen könnte, bevor der explodiert. Die Ampel wurde wieder grün. Der Busfahrer wartete.

Außer Atem

Als die dickliche Frau den Bus erreicht hatte, war sie außer Atem. Und weil sie so außer Atem war, hatte sie gar nicht bemerkt, dass der Bus nur auf sie gewartet hatte. Sie bedankte sie sich nicht. Bei der schweren Schnauferei wäre das auch schwer gewesen. Trotzdem fragte sie den Busfahrer, ob er eh bis zur U-Bahn führe.

Der Mann am Steuer lächelte. „Für sie mach´ ich das. Gerne sogar,“ sagte er dann. Und da war nicht die Spur von Ironie oder Sarkasmus in seiner Stimme. Die dickliche Frau schnappte nach Luft – dann fragte sie nach: „Sicher?“ Der Fahrer lächelte unbeirrt weiter: Ja, beteuerte er, wirklich. Und wenn er bei der U-Bahn angekommen sei, fahre er die Runde noch einmal. Und noch einmal. „Und morgen fahre ich sie wieder zur U-Bahn. Wenn sie das wollen.“ Eine Frau mit Kind am Schoß begann leise zu lachen.

Staugefahr

Der Busfahrer plauderte weiter: Obwohl er morgen auch – und das mit Freude – die selbe Strecke abfahren würde, erklärte er, wolle er der dicklichen Frau (er nahm natürlich mit keiner Silbe auf die Dicklichkeit Bezug) aber nicht verschweigen, dass das Zur-U-Bahn-Fahren mit ihm ab dem nächsten Tag zur Hauptverkehrszeit ein bisserl mühsam werden könne: „Wegen der großen Baustelle. Die leiten den ganzen Verkehr hierher um. Das wird mühsam. Da sind sie zu Fuß vielleicht sogar schneller.“

Die dickliche Frau glotzte den Fahrer fassungslos an. So, als habe er ihr soeben vorgeschlagen, zur U-Bahn zu robben. Und zwar nackt. Mindestens. Ob der Fahrer sich über sie lustig mache, wollte sie wissen. Weil, sagte sie, da müsse er früher aufstehen. Mit ihr könne man, schimpfte die dickliche Frau, so nicht umspringen. Sie werde sich beschweren. Sprach´s und stieg aus.

Der Busfahrer seufzte. Das habe er nun wieder mal davon. Er habe doch nur freundlich sein wollen, sagte er zu niemand Spezifischem. Nur: Das bringe wohl nichts. Aber ihm, sagte er so, als müsse er sich davon wieder selbst überzeugen, sei das egal. Weil er sich andernfalls bald einen anderen Job suchen müsse – und das wolle er nicht: „Ich bringe die Leute wirklich gerne zur U-Bahn.“

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.
    echo-verlag

    Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.