Alle Kreativität für Theorie und Experiment

19. April 2005, 11:58
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Für ihre Arbeit in der theoretischen Festkörperphysik wurde Claudia Ambrosch-Draxl zur "Forscherin des Monats" gewählt

    Doris Griesser sprach mit Claudia Ambrosch-Draxl über ihre Forschung und die Schwierigkeit, Studierende für die Wissenschaftskarriere zu interessieren.

Standard: Ihr Arbeitsgebiet ist die theoretische Festkörperphysik. Worum geht es in Ihrer aktuellen Arbeit?

Ambrosch-Draxl: Zurzeit arbeite ich an einer Reihe von Forschungsprojekten, wobei sich die größten mit dem weiten Feld der Dichtefunktionaltheorie beschäftigen. Das ist eine Methode zur parameterfreien Berechnung von Festkörpereigenschaften. Parameterfrei bedeutet, dass man keine Inputparameter von Experimenten benötigt. Man kann damit etwa vorhersagen, welche Kristallstruktur für ein Material die stabilste ist etc.

STANDARD: Es geht also darum, Eigenschaften von Materialien nicht durch Experimente zu erfassen, sondern verschiedene Größen theoretisch zu berechnen. Was ist der Vorteil des theoretischen Zugangs gegenüber dem experimentellen?

Ambrosch-Draxl: Wenn Theorie und Experiment Hand in Hand gehen, kann man tiefer in die Materie hineinblicken, als wenn man sie nur von einer Seite aus betrachtet. Durch den Vergleich zwischen Theorie und Experiment kann man vom theoretischen Zugang die Experimente besser interpretieren, weil man die Details analysieren kann. Umgekehrt gibt das Experiment wieder Aufschluss, ob man mit seiner Theorie auf dem richtigen Weg ist. Das ermöglicht ein besseres Grundverständnis der Materialien, wodurch auch ihre Weiterentwicklung erleichtert wird.

STANDARD: Für welche Anwendungen sind solche parameterfreien Methoden wichtig?

Ambrosch-Draxl: Im Endeffekt wollen wir Materialien so weit modifizieren, dass sie ganz bestimmte Eigenschaften haben. Wenn man etwa einen Laser bauen will, der blaues Licht aussendet, setzt das ganz bestimmte elektronische Eigenschaften des Materials voraus. Wenn man nun am PC simulieren kann, was passiert, wenn man beispielsweise eine Atomsorte austauscht oder das Material unter Druck setzt etc., kommt man oft von der theoretischen Seite her schneller zum Ziel als von der experimentellen. Für Anwendungen der Dichtefunktionaltheorie in der Spektroskopie gibt es allerdings bislang noch keine allgemein gültige mathematische Fundierung. Um die entsprechende Forschung voranzutreiben, habe ich ein EU-Netzwerk etabliert, in dem sieben europäische Forschergruppen daran arbeiten, Methoden zu entwickeln.

STANDARD: Können Ihre Erkenntnisse bereits praktisch angewandt werden?

Ambrosch-Draxl: Die industrielle Anwendung hat bereits begonnen und ist daran, auf viele Bereiche ausgeweitet zu werden. Bis vor 15 Jahren war es noch nicht möglich, mittels Dichtefunktionaltheorie komplexe Festkörper zu berechnen, weil die Computerkapazität nicht vorhanden war. Jetzt sind Rechner und Programme schnell genug, dass man sich auch komplizierten Materialien zuwenden kann. Damit stehen Vorhersagen erstmals Tür und Tor offen.

STANDARD: Längerfristige Ziele als Forscherin?

Ambrosch-Draxl: Jetzt schon zu wissen, was man etwa in 15 Jahren machen will, wäre der Tod jeder Wissenschaft! Mein Ziel ist eher, die aktuelle Arbeit nicht zur Routine werden zu lassen, sodass ich immer wieder neue, reizvolle Fragestellungen finde. Wenn man sich mit einer Sache auseinander setzt, stößt man ohnehin immer auf offene Fragen, die man lösen möchte. Da können sich Dinge ergeben, die oft weit über das hinausgehen, was man im Moment machen kann. Forschung hat viel mit Offenheit zu tun.

STANDARD: Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?

Ambrosch-Draxl: Vor allem die Gestaltungsfreiheit. Meine Forschungsarbeit hat sehr viel mit Kreativität zu tun - und zwar der gesamte Arbeitsprozess von der Knochenarbeit des Rechnens und Programmierens bis zur Analyse der physikalischen Prozesse und der Auswertung. Besondere Freude macht mir auch die Zusammenarbeit mit Kollegen aus allen Teilen der Welt und nicht zuletzt die damit verbundene Reisetätigkeit.

STANDARD: Was, glauben Sie, sind die wichtigsten Voraussetzungen für Ihren Erfolg?

Ambrosch-Draxl: Die Freude an der Arbeit, die Freiheit, mir meine eigenen Forschungsthemen auszusuchen und die Konsequenz, angepeilte Ziele auch durchzuziehen.

STANDARD: Ermutigen Sie Ihre Studierenden - von den rund 40 Prozent Frauen strebt ja der Großteil das Lehramt an - zu einer Forscherlaufbahn?

Ambrosch-Draxl: Ich bin hier ambivalent: Einerseits will ich die Freude an der Forschung vermitteln, andererseits weiß ich, was mit den Leuten passiert, wenn sie heute eine Forscherlaufbahn einschlagen. An den Unis gibt es für sie keine sicheren Stellen mehr, und die österreichische Wirtschaft bietet kaum echte Forschungsjobs. Seitens der EU hat man über Netzwerke zwar kurzfristig viele Stellen geschaffen, was danach mit diesen qualifizierten Leuten sein wird, steht in den Sternen.

(DER STANDARD, Print, 18.4.2005)

Zur Person

Bereits während ihres Lehramtsstudiums der Physik und Mathematik an der Grazer Karl Franzens Uni stand für Claudia Ambrosch-Draxl fest, dass die Forschung ihr Leben bestimmen würde. Nach dem Doktoratstudium wechselte die Villacherin an die TU Wien bevor sie als Assistentin ans Institut für Theoretische Physik nach Graz zurückkehrte. Es folgten Habilitation und eine Gastprofessur in Uppsala. Privat ist die 45-jährige verheiratete Forscherin begeisterte Wüstenreisende.
  • Claudia Ambrosch-Draxl
    foto: standard
    Claudia Ambrosch-Draxl
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