[dag]: Als Walter repetierte

25. Oktober 2006, 14:00
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Eine Kolumne zum "Sitzenbleiben"

Weil uns die Schulverbesserer gerade die anekdotisch unverzichtbare Gesellschaftsform des Sitzenbleibens streitig machen wollen. - Über Walter F., der heute mit der Versicherungsmathematik sein Geld verdient, erzählt man sich folgende Geschichte: 1974 hing er in Deutsch und Englisch. Er hing dabei an je hauchdünnen Fäden, die im Herbst insofern zu reißen drohten, als seine Mutter einerseits nichts von den Nachprüfungen wusste und Walter andererseits zwei Monate ununterbrochen Sommerurlaub genossen hatte, um sich von besagten Fäden und deren Dünnheit abzulenken.

Die Nachprüfung dauerte kurz, die Prüfungsblätter blieben weiß. Daheim musste er der Mutter nur noch eine Unterschrift abnötigen. Er sagte: "Mama, ich hab zwei Fünfer, wo ich geglaubt hab, das sind Vierer, aber das macht nichts, ich darf eh aufsteigen!" Die Mutter wurde rot und sammelte Luft für den Schrei: "Mit zwei Fünfern bist du durchgefallen!" Walter: "Nein, wirklich nicht, der Professor hat g'sagt, ich muss nicht sitzen bleiben, ich muss die Klasse nicht wiederholen, ich muss nur - repetieren." Mama: "Nur repetieren? Na Gott sei Dank!"

Ein Jahr vor der Matura flog der Schwindel auf. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.4.2005)

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