Kaputte Toilette und zerbrochene Flaschen erinnern an Pol Pot

24. Mai 2005, 12:00
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Grab des Diktators soll Touristen in Norden Kambodschas locken

Anlong Veng - Am Ende einer ungepflasterten und von Landminen umgebenen Straße bedeckt ein Welldach die sterblichen Überreste des kambodschanischen Diktators Pol Pot. Wenige Meter von der thailändischen Grenze entfernt wurden sie vor sieben Jahren zusammen mit einem Haufen alter Autoreifen verbrannt. Das Dach dient inzwischen als eine Art Altar und ist mit Früchten, Zigaretten und Räucherkerzen bedeckt. Pol Pot begann vor 30 Jahren in Kambodscha eine Schreckensherrschaft, die vier Jahr dauerte - nun soll er Touristen ins Land locken. Historische Stätten seiner blutigen Zeit, in der etwa zwei Millionen Menschen durch Hunger, Folter und Erschießungen starben, werden nach Plänen der Regierung in Sehenswürdigkeiten umgewandelt.

"Wir erforschen potenzielle Sehenswürdigkeiten", sagt Sieng Sokheng. Der Leiter der Touristeninformation in Anlong Veng zieht einen Zettel mit 43 Vorschlägen aus der Tasche. "Die Regierung hält diese Orte für geeignet, um Besucher anzulocken." Der Bezirk Anlong Veng liegt in der Provinz Oddar Meanchey, rund 450 Kilometer nördlich der Hauptstadt Phnom Penh. 1992 zog sich Pol Pot hierhin zurück, 1998 starb er hier und mit ihm die ultra-maoistische Bewegung, die als Rote Khmer Synonym für eine der grausamsten Diktaturen wurde.

Unmoralisch

Youk Chhang, Leiter des Zentrums, das Beweise für die Gräueltaten der Roten Khmer sammelt, ist skeptisch, was die Vermarktung der historischen Stätten angeht: "Gedenken kann man nicht kommerzialisieren. Ich fühle mich dabei unwohl - das ist unmoralisch". Die Regierung sollte sich lieber um die Pflege der Massengräber kümmern, fordert er.

"Das sind bittere Orte", sagt auch Sokheng. Doch er ist zuversichtlich, dass die Besucher kommen werden. "Es gibt vielleicht keine anderen Orte wie diese in der Welt, und deshalb wollen die Besucher diese Plätze sehen. Sie wollen sehen, wie man hier damals lebte", begründet er. Monatlich besichtigen rund 200 Touristen aus Kambodscha den Ort, manche von ihnen verbittert. "Sie sagen nur, dass Pol Pot es verdient hat, hier zu sterben und so eine Grabstelle zu haben, weil er während seiner Herrschaft so viele Menschen getötet hat", beschreibt Sokheng die Reaktionen der Besucher.

Doch nicht nur Pol Pots sterblichen Überreste, auch das eingezäunte Gebäude, in dem er die letzten Monate seines Lebens unter Hausarrest verbrachte, gilt bei den Tourismus-Planern als künftiges Reiseziel. Die kaputte Toilette und zerbrochene Flaschen zeugen von Authentizität und sollen Touristen in den Norden Kambodschas ziehen. Bisher verirren sich nur kleine Reisegruppen auf den engen Pfad. Sie kämpfen sich zwischen wilden Blumen und scharrenden Hühnern hindurch.

Trotz der verlassenen Gegend entschloss sich Rang Saruon vor drei Jahren, hier eine Pension zu eröffnen. "Ich wusste schließlich, dass mehr ausländische Touristen hierher kommen und keinen Platz zum Schlafen und Essen haben würden", sagt der 56-jährige Soldat. Auch er hofft darauf, dass die Vermarktung der Geschichte sein Haus füllt: "Das hier ist eine schöne Gegend, man kann die Landschaft von Kambodscha sehen, und ausländische Besucher wollen die historischen Stätten besichtigen, die Häuser, in denen die ehemaligen Roten Khmer wohnten". Seine Pension mit Hängematten, blühenden Blumen und singenden Vögeln im Garten lässt die Geschichte des Ortes schnell vergessen: 1997 ließ Pol Pot hier seinen früheren Verteidigungsminister Son Sen mit Frau und Kindern umbringen. (APA)

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