Lieber umfallen als fallen

2. Mai 2005, 10:07
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Die fulminante Politikabrechnung der langjährigen Presse Innenpolitik- Ressortleiterin Anneliese Rohrer

Dieses Buch ist vieles: eine kluge Analyse der vergangenen drei Jahrzehnte österreichischer Innenpolitik, geschrieben von einer bestens informierten, aber nie distanzlosen professionellen Beobachterin. Eine Auseinandersetzung mit der dazugehörigen Medienlandschaft, beobachtet von einer hochrangigen Exponentin dieses System. Eine Abfolge kluger, prägnanter Charakterstudien jener Politiker, die aus der Masse der politischen Mitläufer historische Bedeutung beanspruchen dürfen. Alphabetisch geordnet: Busek, Fischer, Haider, Klestil, Kreisky, Schüssel, Vranitzky. Und schließlich eine persönliche Abrechnung mit Österreichs Realverfassung. All das hat die ehemalige Innenpolitik-Ressortleiterin der Presse, Anneliese Rohrer, in ein Buch mit dem programmatischen Titel "Charakterfehler" verpackt.

Noch zu ihrer aktiven Zeit hat Rohrer gerne mit erhobenem Zeigefinger argumentiert, was ihr verständlicherweise nicht nur Sympathien eingebracht hat. Auch, weil Kritik, die von einer Frau kommt, in der Männerwelt Politik nach wie vor anders, emotionaler, gewogen wird. Rohrer selbst hat dieses Phänomen sehr schlüssig als "No win"-Situation beschrieben: Politische Journalistinnen seien immer unter Verdacht, bei zu sanfter Kritik wegen mangelnder Distanz, andernfalls wegen biblischen Hasses; bei Kritik an Politikerinnen wegen mangelnder Frauensolidarität, bei Lob wegen "Feministinnengetue".

Rohrers erhobener Zeigefinger wurde manchmal als gouvernantenhafte Attitüde missverstanden. "Macht ist nur dann erträglich, wenn sie durch ethische Grundsätze im Zaum gehalten wird, kontrolliert und kompensiert wird", zitiert sie zum Eingang ihres Buches die langjährige Herausgeberin der deutschen Wochenzeitschrift "Die Zeit", Marion Gräfin Dönhoff. Das, und nicht bürgerlicher Konventionismus, ist Rohrers Maßstab. Einer, dem keiner der im Buch beschriebenen Protagonisten der österreichischen Innenpolitik gerecht werden kann.

Rohrer schildert Kreisky als ersten großen Nivellierungskünstler des politischen Anstands. An ihm konnten spätere Politikergenerationen lernen, wie man den Wähler dazu bringt, "alle Widersprüche, wechselnde Meinungen, falsche Behauptungen zu verzeihen". Das Ergebnis ist eine Beliebigkeit auf allen Ebenen mit dem Ziel der Stimmenmaximierung, von Rohrer mit dem Terminus "politischer Neoliberalismus" nicht ganz glücklich gefasst.

Rohrer teilt aber auch in andere Richtung aus. Den heimischen Journalismus schilt sie - durchaus selbstkritisch - dafür, dass er Haiders Halbwahrheiten zwar begierig ausweidete, sie auch verurteilte - ihnen aber nicht mit den Mitteln der Zunft begegnete: nämlich penibel auszurecherchieren. Mit den Ergebnissen hätte man die große Koalition konfrontieren müssen. Ausgrenzung funktionierte also weder auf politischer noch auf publizistischer Ebene.

Deutlich durchzieht das Buch die - man kann es fast so sagen - Abscheu vor der Wiener Menagerie, der aufgeblähten Kleingeistigkeit. "Lieber umfallen als fallen" sei eine ihrer Maximen, schreibt Rohrer an einer Stelle. Hier schreibt eine, für die Umfallen nie eine Option war. (DER STANDARD, Print, 16./17.4.2005)

Von Barbara Tóth

Anneliese Rohrer
Charakterfehler. Die Österreicher & ihre Politik.
€ 19,95/192 Seiten.
Ueberreuter, Wien 2005.
ISBN: 380007088X

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    cover: charakterfehler
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