Losgehen, Loslassen, Verschwinden

22. April 2005, 13:16
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Klaus Merz' beeindruckende Erzählung "Los": Einer geht allein und mit leichtem Gepäck auf eine Bergwanderung,...

Bücher, hat ein Landsmann von Klaus Merz einmal geschrieben, müssen im Kopf des Lesers explodieren - auch wenn sie leise sprechen. Und zweifellos gehört Klaus Merz zu den Leiseren im Gefilde der deutschsprachigen Literatur - und seine Bücher zu den explosiveren. Zwar sorgten seine Prosa und Lyrik in den vergangenen drei Jahrzehnten für einiges Aufsehen und brachten ihm renommierte Literaturpreise ein, doch laut ist es um den Schweizer, der im Oktober 60 wird, nie geworden. Vielleicht wird sich das mit diesem wunderbaren Buch ändern.

Der Inhalt von Klaus Merz' neuer Erzählung Los ist schnell erzählt. Einer, Peter Thaler sein Name, geht allein und mit leichtem Gepäck auf eine Bergwanderung, wird vom Schnee überrascht, rutscht ab, bleibt liegen und . . . Der Schluss sei hier nicht verraten, auch wenn er auf der Hand liegt, denn selten kommt es in der Schweizer Literatur gut, wenn einer in die Berge geht. Das ist bei der Bergfahrt des großen Ludwig Hohl so, und in Adolf Muschgs vorletztem Roman Sutters Glück nicht anders. Natürlich kommt einem auch Robert Walser in den Sinn, ein Dichter, der immer behauptete, keiner zu sein, und doch einer blieb, auch als er nicht mehr schrieb und schließlich im Schnee starb. Auch jener einsiedlerische Philosoph schwingt mit, der seine Sommer in Sils-Maria verbrachte und sich die "Heimat Einsamkeit" erwählte, den "eisigen Atem des Alleinseins".

Doch zurück zu Peter Thaler, auf dessen verlorene Spur Merz den Leser führt. Auch er ist einer dieser Stillen, hinter denen sich oft die konsequentesten Selbstsucher, die unerbittlichsten Verweigerer und manchmal auch die rettungslos Verlorenen verbergen. Mit dem Leben hat sich der Mittvierziger nicht unbedingt leicht getan, die Einsamkeit ist trotz Frau und zweier Söhne geblieben, der Lehrer-Job nach dem Studium unbefriedigend und eine tief gehende Irritation seit der Kindheit nicht verflogen. Von einem früh an einem Hirntumor verstorbenen Bruder ist die Rede, vom Vater mit Herzproblemen, auch er schon tot, und einer Mutter, die nicht mehr leben wollte und in einem Krankenzimmer verdämmerte, aber auch von einer Welt, die in Geschäftigkeit und Geschwätz versinkt. All diese Themen klingen an, ohne dass Merz sie breit auswalzt, er tippt sie nur an. Der Leser muss es, so wie Thaler, mit sich selbst ausmachen und für sich klären, ob er in Thaler einen Hans im Glück sehen will, der aufbricht und alles verlieren muss, um sich selbst zu gewinnen, oder einen, dem auf dieser Welt nicht zu helfen ist.

Antworten gibt es in diesem Buch keine, dafür viele Fragen, wie in jeder Poesie. Poesie deswegen, weil über all dieser Schwere ein Glanz (Glanz ist sowieso ein wichtiges Wort in diesem Buch) liegt, der vor dem dunklen Hintergrund umso stärker zur Geltung kommt. Poesie auch deswegen, weil Merz ein Meister der Form ist, der subtil mit der Du-, Er- und der Ich-Form spielt.

Walter Benjamin, den Merz eingangs des Buches zitiert, stieß auf Ibiza auf jene Häuser, deren Inneres sich durch eine weiße Kahlheit und wenige Gegenstände auszeichnet. Er hat darüber in seiner "Ibizenkischen Folge" einen kleinen Text mit dem Titel "Raum für das Kostbare" verfasst. Über die spärlichen Gegenstände in einem Zimmer heißt es da: "Das Geheimnis ihres Wertes ist die Nüchternheit - jene Kargheit des Lebensraums, in dem sie nicht allein die Stelle, die sie gerade haben, sichtbar haben, sondern Raum, die immer neuen Stellen einzunehmen, an die sie gerufen werden. Im Hause, wo kein Bett ist, ist der Teppich, mit welchem der Bewohner nachts sich zudeckt, im Wagen, wo kein Polster ist, das Kissen kostbar, das man auf seinen harten Boden legt. In unseren wohlbestellten Häusern aber ist kein Raum für das Kostbare, weil kein Spielraum für seine Dienste."

Von diesem Spielraum - auch im Leben - handelt diese schöne und schnörkellose Erzählung. Ein kostbares Buch. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.04.2005)

Von Stefan Gmünder

Tipp

Klaus Merz liest am 20. April um 19.30 Uhr im Wiener Literaturhaus
(Zieglergasse 26A, 1070 Wien) aus dem besprochenen Band.
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    Klaus Merz:
    "Los"
    € 14,90/100 Seiten. Haymon,
    Innsbruck 2005

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