Wir sind Helden

16. April 2005, 12:00
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Das Geschäft geht gut: Wie in Kunst, Pop und Mode das Label "Deutsch" wieder Konjunktur hat

"Fragt man mich jetzt, woher ich komme / tu ich mir nicht mehr selber Leid / ich riskier was für die Liebe / ich fühle mich bereit." Nein, das ist keine Songzeile einer stammrechten Band, kein gegrölter Nazirock, hier singt Mieze, die hübsche Sängerin der Berliner Hipster-Band "Mia". "Was es ist", nannte sie ihre Single-Veröffentlichung vor gut einem Jahr, und wer dahinter traute Liebeslieder auf Erich Frieds Spuren vermutete, der sah sich getäuscht. Es war Deutschland, das Vaterland, das hier besungen wurde.

Schwarz-Rot-Gold, das ist die Farbe, die in Deutschland in den vergangenen Jahren vom äußersten rechten Rand in den Mainstream vorgedrungen ist. Teilweise sehr plakativ, wie das bei Mia und der Modemacherin Eva Gronbach der Fall war, die eine Kollektion in den deutschen Nationalfarben entwarf und die daraufhin just die deutschen Polizeiuniformen neu designen durfte. Teilweise aber auch subkutan, wie in den Publikationen jener Magazine, die zuletzt wie Pilze aus dem fruchtbaren Berliner Boden schossen. Deutsch, Blond oder Achtung heißen sie, und in ihnen geht es nicht um aufgeblasenes Deutschtum, sondern um deutschen Lifestyle - ein Feld, auf dem man sich bekanntlich genauso schwer tut wie im Umgang mit der eigenen Nation und ihren Insignien.

Über Jahrzehnte fiel der zur Schau getragene Nationalstolz in Deutschland in die Schublade "politisch unkorrekt", er war den Massen im Fußballstadion oder Ewiggestrigen vorbehalten. Das ist mittlerweile nicht mehr so: Im Windschatten der in den Neunzigern auf die Spitze getriebenen Gedenkdebatten, die das Selbstverständnis Deutschlands als Täterstaat durchdeklinierten, an der Nebenfront einer von der CDU initiierten Patriotismus-Debatte und als Gegenbewegung zur immer größeren Depression, die das Land erfasst hat, entstand so etwas wie ein "Deutschland-Chic". Getragen von einer Generation, die sich offenbar aus alten Identitätszwängen befreien will.

"Das Deutsche verkauft sich gut zur Zeit", befand jüngst die Frankfurter Rundschau, und was die Feuilletonistin damit meinte, gilt sowohl für den Pop- wie für den Kunstbereich, für die Mode und in Maßen auch für die Filmindustrie - man denke etwa an das Wunder von Bern und jüngst an Bernd Eichingers Untergang. 7,6 Prozent wies allein in den ersten zehn Monaten des Jahres 2004 das Umsatzplus deutschsprachiger Popmusik auf, kein Plattenkonzern kann es sich mittlerweile mehr leisten, keine deutsch singenden Bands unter Vertrag zu haben. Nachdem EMI mit "Wir sind Helden" im Sommer 2003 einen Volltreffer landete, startete das Deutschpopgeschäft so richtig durch: "Silbermond" und "Juli", "Virginia Jetzt" oder "Klee" heißen nur einige der einschlägigen Gruppen, und auch wenn sich keine von ihnen politisch so wie "Mia" über den Tellerrand wagt, so ist es doch das Label "deutsch", das hier zieht. Dafür stellt man gut marketingmäßig auch schon einmal gern das Quäntchen Dissidenz, das die erste "Wir sind Helden"-Platte auszeichnete bei der zweiten hintan.

Mit Dissidenz - am rechten oder am linken Rand - hat diese Rückbesinnung des Pop auf die eigene Muttersprache denn auch relativ wenig zu tun. Das Deutsche ist im Mainstreambereich vor allem ein Verkaufsfaktor. Die Patriotismus-Debatten, die man rund um die Konjunktur des Deutschpop zu stricken versuchte, wirkten denn auch alle irgendwie verfehlt - genauso übrigens wie die Diskussion um eine deutsche Quote im Pop.

60 Jahre nach Kriegsende und nach Jahrzehnten der Stigmatisierung von allem Deutschen, das sich in seinem "Deutschsein" auf die Schulter klopfte, kehrt das Deutsche jetzt als Marke wieder. Das ist die Pointe einer Entwicklung, während der man alles Nationale und auch alles, was mit ihm in einer peripheren Verbindung stand, stigmatisierte. Ein Bedeutungsballast, der der Marke "Deutsch" ihren Reiz verleiht - aber der ihr letztendlich egal ist. Nirgends sieht man das besser als in der Kunst. Vom "deutschen Malwunder" ist derzeit in Kunstzeitschriften zu lesen, für die New York Times sind die Deutschen gar die "Art Stars of the Decade". "Young German Art" ist das Label, das seit der Armory Show im vergangenen Jahr den jungen deutschen Mal-Aposteln umgehängt wurde. Anders als die englischen Vorgänger schockieren Künstler wie Tim Eitel oder Norbert Bisky aber nicht. Tiefgründige Landschaftsbilder, expressives Pathos oder motivschwere Seelendüsternis: Das sind die Themen, die amerikanische Sammler (sie sind die Hauptkunden) noch immer in erster Linie mit "deutscher Kunst" in Verbindung bringen - Erwartungshaltungen, die die "Neue Leipziger Schule", das Zentrum des Booms, denn auch bestens bedient.

"Kaum vorstellbar", schreibt Schirn-Direktor Max Hollein, "dass das Label ,Deutsch' vor einigen Jahren international als trendiges Markenzeichen zu etablieren gewesen wäre." Genau das ist jetzt passiert: Erfolg haben insbesondere jene, die mit den Klischee-Insignien des Deutschen arbeiten, die auf die Romantik zurückgreifen (Eitel) oder auf die Industrieschlote des Ostens (Neo Rauch), auf die DDR (Bisky) oder die bayrische Biertischseligkeit samt Hakenkreuzen (Florian Süssmayr).

"Neurotischen Realismus" haben Kritiker die aktuelle figurative Malerei genannt und dabei spöttisch den Mund verzogen. Der Marke "Deutsche Malerei", deren Produkte sich auf den Kunstmessen zu beachtlichen Preisen aufschwingen, ist das egal. Hauptsache Deutschland wirft Geld ab - das macht es derzeit bekanntlich recht selten. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.04.2005)

Von Stephan Hilpold
  • Aktuelles Mia-Album "Hieb und Stichfest" (r.o.t.)
    foto: r.o.t.

    Aktuelles Mia-Album "Hieb und Stichfest" (r.o.t.)

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