Ganzjähriger Santa-Claus-Aufguss

23. Mai 2005, 14:32
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Eine Reise nach Lappland erscheint im April in einem ganz anderen Licht, dem Polarlicht ...

Eine Reise nach Lappland erscheint im April in einem ganz anderen Licht. Dem Polarlicht. Wer sich vor der Kälte fürchtet, kann ja versuchen ein Rentier zu überreden, ins Tipi mitzukommen. Sachdienlicher ist freilich die erprobte Rauchsauna oder ein herzerwärmender Besuch in den Gemächern des Herrn Santa Claus.


"Zum Briefeabstempeln bitte die zweite Türe links, das Foto mit dem Weihnachtsmann gibt es gleich nebenan!" Nein, keine Frage: Die Traumfabrik Joulupukin Pajakylä, wie Rovaniemis Santa-Claus-Dorf auf Finnisch heißt, läuft wie geschmiert. Ja sogar die Witterung fügt sich perfekt ins stimmungsvolle Bild: Leichtes, flockiges Schneetreiben beutelt die flanellgraue Himmelsdecke aus, während in der guten Stube feines Lametta wabert und sanfter Zimtgeruch Herrn Santa Claus umweht. Für längere Fragen und größere Wünsche ist jetzt keine Zeit. Schon schieben hyperaktive Kinder aus Tokio, Manchester und Buxtehude gnadenlos nach, drängeln tuschelnd zum Rauschebart vor. Jeder will sich vom berühmtesten aller Finnen den Kopf tätscheln lassen und dann ins Santa-Claus-Postamt hinüberschneien, in dem jeden Winter 700.000 Briefe aus aller Welt eintrudeln. Weihnachten dauert in Joulupukin Pajakylä acht Monate pro Jahr. Mit anderen Worten: Jingle Bells Ende nie.

Ähnlich geschickt wie das Santa-Claus-Hangout am Polarkreis verharrt auch das umliegende Lappland in einer, für die Gegend nicht untypischen Grätsche zwischen Mythos und Moderne. Hightech-Betriebe wie Nokia und die Raumstation "Esrange" haben hier eine Heimat gefunden, ebenso wie Schneeeule, Polarfuchs und Braunbär. Über drei Länder erstreckt sich die lappländische Wildnis. Finnland, Schweden und Teile Norwegens gehören zur Nordkalotte, der Heimat der Samen, wie sich Lapplands Ureinwohner nennen.

Lichtblicke

Szenenwechsel nach Lainio Vildmark, einer naturbelassenen Gegend jenseits der finnisch-schwedischen Grenze. Vom Trubel der Santa-Claus-Show ist hier, im verschlafenen schwedischen Norden nichts mehr zu sehen. Stattdessen entdeckt man pures Lappland, das sich im Moment gerade kegelförmig über uns stülpt. Und zwar in Form eines fünf Meter hohen Tipis aus Rentierhäuten, der auf einer verschneiten Flussinsel im zugefrorenen Lainio-Älv-Fluss steht, und durch dessen Öffnung der fettige Rauch der glosenden Birkenscheite abzieht. Eine beheizte, mit dicken Fellen ausgelegte Oase inmitten der Schneewüste, und mit ungehindertem Blick auf den Sternenhimmel - so sieht das Lappland aus, das der Same Roland seinen Gästen am allerliebsten zeigt.

Draußen ist soeben blaue Stunde angesagt, eine Art Primetime für Samen, die auch in der Ära von Sat-Schüssel und Multi-Channel ihren magischen Reiz nicht verloren hat. In unglaublich intensivem Lila färbt sich der Himmel, und die angezuckerten Äste ragen wie Negativ-Aufnahmen ins unbefleckte Landschaftsbild. Von stiller, elementarer Natur sind denn auch die anderen Attraktion, die Lapplands einzigartige Winterwildnis offeriert: An wolkenlosen Tagen mit klirrendem Frost kann man mit etwas Glück die Aurea borealis sehen, Skandinaviens zuckendes Nordlicht, das in farbigen Schlieren über den Himmel tanzt. Nicht zu vergessen die zauberhaften Reflexionen der Sonnenstrahlen, die der vereisten, gläsernen Welt glitzernde Lebensfünkchen einhauchen. Dass Licht so hoch im Norden ein besonderes Lebenselixier ist, erfährt man am intensivsten gegen Winterende, wenn auf den Eisplatten der zugefrorenen Flüsse dicke Rentierfelle aufgebreitet, und die größten Korkenzieher der Welt aus den Taschen geholt werden - Drillbohrer, mit denen man die Löcher zum Eisfischen in die Eisdecke bohrt. In Wirklichkeit angeln die Samen in solchen Momenten vor allem nach Sonne, die nach dem langen, dunklen Winter wie goldfarbener Cognac den Körper wärmt.

Lappe Roland rührt noch immer ungerührt im Tipi-Topf. Gutes Rentier-Kesselgulasch braucht seine Zeit, der schlitternde Holländer auch. Lappe Roland, Kochlöffel in der rechten Hand, überkreuzte Beine stoisch ruhig auf dem Rentierfell, rechnet die mutmaßliche Motorschlitten-Route des verlorenen Reisegasts vor: "Eine Tankfüllung reicht zur Schnellstraße nach Kiruna, in der anderen Richtung müsste er auf die Tracks nach Alt-Lainio treffen. Kein Grund zur Besorgnis. Er kommt spätestens zum Dessert."

Der Vildmark-Mann kennt sein Revier augenscheinlich ziemlich gut: Denn der schlitternde Holländer kommt tatsächlich zum Kaffee, allerdings erst als Mitternachtseinlage. Dafür bringt er Geleitschutz mit. Zwei Lappen, die im Schatten des Lagerfeuers an den schrecklichen Sven aus "Wicky" und an dessen heringsgesichtigen Einflüsterer erinnern, sich aber als Gentlemen im Pelz offenbaren. "In Lainio verschwindet nichts und niemand", sagt Roland und legt ein Birkenscheit nach.

Neuer blitzblauer Morgen. Und Spritztour mit hundert Snowscooter-PS durch die märchenhaft verschneite Gegend. Tiefer im Taiga-Wald wohnt Johannes, der rotnasige Rentierzüchter. Neben dem Mineralienmuseum und dem Goldgräber-Fluss von Lannavaara, Skandinaviens Klondyke, zählt er zum Urgestein der Gegend. Gemeinsam mit seinem kleineren, weil erst 70-jährigen Bruder teilt sich Johannes ein ganzes Dorf. Vikusjärvi heißt es, ein Weiler mit rostrot leuchtenden, verlassenen Blockhütten und Eiszapfen, die wie gläserne Säulenportale neben der Haustür stehen. Wenn man durch die rosaroten Häkelkristalle seiner Spitzenvorhänge auf die einzige Dorfstraße hinausblickt, versteht man gar nicht, warum ein so zauberhafter Flecken aufgegeben werden konnte.

Die Kicks des exzentrischen Reiseziels stellen sich mitunter erst auf den zweiten Blick ein: Ob man dabei auf die zwölffache Hundestärke eines hechelnden Husky-Gespanns setzt, oder aber mit dem gemütlichen, lappländischen Tretschlitten im Café vorfährt, bleibt Geschmacksache. Es hätte auch eine Runde im Rentier-Cabrio, das Aroma der Rauchsauna oder eine Nacht im Eishotel sein können. (Der Standard, Printausgabe, ALBUM, 16./17. 04. 2005)

Von
Robert Haidinger

SAS und Finnair bieten Inlandsflüge mit Umsteigen in Stockholm bzw. Helsinki an:
finnair.com

scandinavian.net

Superfast Ferries ist die schnellste Fährverbindung nach Finnland ab Rostock:
superfast.com

finnland-ferien.com

schweden-urlaub.de

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    Aurora Borealis über der Insel Kvaloya nahe von Tromso im Norden Norwegens

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