Weltschmerz neu

15. April 2005, 22:06
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Fado-Sängerin Cristina Branco auf Tour - Am Samstag im St. Pöltner Festspielhaus

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit war Cristina Branco eine ganz normale, brave Journalistikstudentin mit einem recht alltäglichen Hobby: dem Gesang. Doch dann, Anfang der 90er-Jahre, stimuliert auch durch Wim Wenders' Film "The Lisbon Story", geschah es, dass die Welt und also auch Portugal den Fado wiederentdeckte: jenen bittersüßen Weltschmerzgesang, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Lissabonner Armenvierteln entstanden war.

Noch Diktator Antonio Salazar versuchte anfangs gegen den Fado als "kulturlosen Dirnengesang" vorzugehen. Dessen immense Popularität ließ ihn schon bald umschwenken und eine Politik der "drei F" verfolgen - Fado, Fatima und Fußball hießen die staatlich verordneten Volksdrogen. Es bedurfte zeitlicher Distanz und einer neuen, jungen Generation, um sich dem Fado nach Jahrzehnten der politischen Vereinnahmung wieder unbefangen zu nähern. Mísia, Dulce Pontes, Mariza und eben Cristina Branco heißen die jungen Heldinnen, die so in den 90ern über Nacht zu Stars mutierten und seither als "neue Stimmen des Fado" gelten: Branco hatte sich für Jazz und Pop interessiert, als sie plötzlich von der mittlerweile auch in touristisch-kommerzielle Sphären vorgedrungenen Fado-Welle erfasst und mitgerissen wurde: "Ich sehe mich als Fado-Sängerin, aber nicht als Fadista", sagt die 33-Jährige denn auch ehrlich über sich selbst. Es ist wohl diese persönliche Authentizität, die aus ihrer klaren, schlanken Stimme spricht, mit der sie in den letzten Jahren ausgezeichnete Alben wie "Sensus" oder "Ulisses" produziert hat, die ihre Konzerte zum Erlebnis macht. (felb/DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.04.2005)

16. 4., Festspielhaus, 3109 St. Pölten, Franz-Schubert-Platz 2, (02742) 90 80 80-222, 20.00
  • "Ich sehe mich als Fado-Sängerin, nicht als Fadista" - Cristina Branco kann nicht nur gut singen, sie ist auch ehrlich und offen.
    foto: maurice boyer

    "Ich sehe mich als Fado-Sängerin, nicht als Fadista" - Cristina Branco kann nicht nur gut singen, sie ist auch ehrlich und offen.

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