Aufwärts bitte!

19. April 2005, 18:56
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Der Katzenjammer der Wiedervereinigung hat sich in neudeutsche Herrlichkeit verwandelt, nur noch von Arbeitslosenzahlen verschattet

Man stelle sich vor, in Österreich würde eine Serie gedreht, die hieße "Kanzleramt", und in der Stadt würden 500 (!) Quadratmeter große Plakate hängen: "Der Kanzler kommt" - darin bierernste Schauspieler, die ihrer bierernsten Tätigkeit nachgehen: nämlich die Bilder antiseptisch zu halten und den ironiefreien Raum zu erstellen, der uns didaktisch erzählen soll, wie Realpolitik funktioniert. Nämlich unter dem Motto: Alle sind käuflich, und das ist gut so. Und dazwischen sind wir sentimental. Als Kronzeugen werden ins Bild geführt: die alternde Brecht-Diva, die noch was von Klassenkampf gehört hat, oder der peruanische Guerillaführer, der eine Diktatur stürzen möchte. Egal. Sie erzählen uns nur eines, dass sie sofort von angeblich blitzgescheiten Mitarbeitern überzeugt werden können und für die Interessen der politischen Führungsriege verwendet.

Und diese ist gut bekannt, denn jeder Einzelne ihrer Vertreter spielt in irgendeinem deutschen Bundesland einen Tatortkommissar. Dass sie hier einmal zusammenarbeiten, ist doch eine wunderbare Sache, scheint sich die Intendanz gesagt zu haben, das Publikum aber sieht das etwas anders: Einbrechende Quoten zur Hauptsendezeit legen nahe, dass entweder die Frage, ob man Massenmörder empfängt, um Arbeitsplätze zu schaffen, in Wirklichkeit längst beantwortet ist, oder die hölzernen Dialoge für den Fernsehmagen doch zu unverdaulich sind.

Aber ansonsten müssen wir wohl eingeschaltet bleiben, leben wir doch im Hartz-IV-Zeitalter. Das ist auf der Ebene der medialen Diskursproduktion das Zeitalter von Sabine Christiansen, "Neocon", Harald Schmidt und Flick-Collection.

Das ist die Leipziger Schule, die deutsche Kunst wieder als traditionelle (Malerei!) zur Exportmarke macht und die bisherige deutsche Exportmarke Fotografie ablösen möchte. Also die Kunst im Dienst eines größeren Prozesses, an dem Sentimentalität, instrumentalisiertes Pathos und eine rasende Suche nach Werten beteiligt sind, ein Prozess, den man gemeinhin als "Normalisierung" bezeichnet.

Heil dich doch selbst. Die Flick-Collection wird geschlossen", hieß auch folgerichtig die Anzeige, die diesen Jänner in der FAZ erschienen ist, unterschrieben von zahlreichen Kulturproduzierenden. Die Antwort auf den Affront der Eröffnung der Flick-Ausstellung im Hamburger Bahnhof mit Reden von Gerhard Schröder und Staatsministerin Christina Weiss, die sich einig zeigten im Glück über das Schließen der Wunde, "die in Berlin durch die Nazi-Zeit gerissen" wurde, und den Namen Flick aufwerteten, der für die Verweigerung der Zwangsarbeiterentschädigung und der kritischen Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte steht.

Mit Deutlichkeit wurde hier von Regierungsseite das Signal zu einem neuen Geschichtsbewusstsein gegeben. Aber auch ein neues Klassenbewusstsein macht sich breit: das der Herrschenden und Besitzenden. Der Elite.

Längst vorbei sind die Zeiten, als die FAZ ihre Serie "What's left" startete. Der Katzenjammer der Wiedervereinigung hat sich langsam in neudeutsche Herrlichkeit verwandelt, nur noch von Arbeitslosenzahlen verschattet, die man ja der SPD-Regierung anlasten kann, die sich in einer historischen Kompromissleistung gerade selbst abschafft.

Die langjährige Suche nach Werten, die im Prinzip schon immer beantwortet ist, hat einen merkwürdigen Wechsel im Vokabular der politischen Sprache nach sich gezogen, die Rede von Deutschland, "dem es schlecht geht", oder von "unserer Wirtschaft" wird seit einiger Zeit ohne Zaudern in den Medien geführt, Bände wie Aufwärts bitte! Zehn Beiträge zu Deutschlands freiem Fall erscheinen, und nicht die Spindoctors von Schröder, sondern Publizisten machen Vorschläge, wie man dies untergehende Schiff zu retten habe. Und wo man vor Jahren Ausschau nach der Leitkultur hielt, scheint sie heute immer schon vor Augen zu stehen.

Auf allen Kanälen findet sich, vom Papsttod beflügelt, die Rede von christlich-abendländischen Werten, Direktimporte aus den 50ern stehen bereit, Koalitionen stellen sich heraus,wie die von Harald Schmidt mit dem neokonservativen Publizisten Paul Nolte, der das Buch "zu den Unterschichten", die Deutschland neuerdings bevölkern, verfasste. Den Titel Generation Reform kann man gleich als Schlag gegen die SPD-Regierung verstehen. Und dass Begriffe wie "Unterschicht" wieder einfach so verwendet werden können, dass seit geraumer Zeit wieder Feudalismen und Elitedenken in unsere Wohnzimmer donnern, lässt einen beinahe sentimental an die Zeiten Anfang der Neunziger zurückdenken, als man noch angestrengt über die Frage der nationalen Identität nachdachte.

In Deutschland, einem Land, dessen Staatsbürgerrecht ein Blutrecht ist, redet man von Kultur (z.B. Leitkultur), wenn man nicht von Politik (z.B. Integrationspolitik) reden mag. Und man redet von nationaler Identität, wenn man nicht über Haushaltsdefizite und Umverteilung reden möchte. Und dies ist meist als Krisensymptom zu verstehen, die Suche nach dem Kitt, etwas, das die ominöse Solidargemeinschaft zusammenschweißen soll, wenn nichts anderes mehr geht, und es ist auch ein ausschließender Diskurs.

Ein ironisches Verhältnis, was sonst?", wäre meine stete Antwort gewesen, hätte man mich zum österreichischen Verhältnis zur Identitätsfrage gefragt, aber man hat mich nicht gefragt, was ich für ein gutes Zeichen hielt. Als ich aber letzten Herbst zu einer Veranstaltung im Wiener Depot geladen wurde, die diese Frage thematisieren sollte, begann ich zu ahnen, dass die Krise in Österreich nun ein neues Niveau erreicht hat. Sicher, die Jubiläumsfeierlichkeiten, die ja vonseiten der rechten Regierung besetzt wurden, verlangen eine Antwort, aber muss man sie nicht politisch geben? Selbst allgemein Identitätsverhältnisse zu debattieren ist heute schwierig geworden.

War es in den späten Achtzigern noch ein Spiel, noch die Möglichkeit einer Infragestellung, Eroberung von Freiräumen, dient es heute nur noch der Festschreibung und dem Ausschluss. In der Diskussion um sie soll etwas festgestellt werden, ein Raum eröffnet, der mehr abschließt als Platz bietet. Sicher, ein ironisches Verhältnis ist zwar immer prekär, aber es bedeutet Bewegung und Infragestellung, Bindung und Distanz. Diese Bewegung stillzustellen, würde unweigerliche Folgen haben und nicht nur die einer Serie mit dem Namen "Kanzleramt". Wir hätten auch gar keine Tatortkommissare, die uns dann aus der Bredouille helfen würden. (DER STANDARD, ALBUM, 16./17.4.2005)

Von Kathrin Röggla
  • Die in Salzburg geborene 
Autorin Kathrin Röggla lebt 
seit zehn Jahren in Berlin. 
Zuletzt erschien von ihr 
der Roman "Wir schlafen nicht" im Fischer Verlag.
    foto: heribert corn

    Die in Salzburg geborene Autorin Kathrin Röggla lebt seit zehn Jahren in Berlin. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Wir schlafen nicht" im Fischer Verlag.

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