Modern für die Ewigkeit

21. November 2005, 14:51
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Nur wer ewige Werte glaubwürdig vertritt, aber neu "verpackt" und damit für die Heutigen relevant macht, erhält sie als Werte für die Zukunft - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Eine Woche ist es erst her, dass die Weltgemeinschaft in Trauer um Johannes Paul II. einmalig vereint war. Zu Recht beschrieb man mit Attributen der Superlative ein irdisches und geistliches Wirken der Superlative anlässlich eines globalen Ereignisses der Superlative. Ein vermeintliches Paradox drängt sich dabei auf: Hat uns nicht gerade dieser um traditionelle Prinzipien für die Ewigkeit unermüdlich bemühte Pontifex auf brillante Weise einige Prinzipien der Moderne gelehrt?

1. Sehnsucht nach Werten: "JP II." als Superstar der Jugend beweist, dass gerade bei jungen Leuten Werte, Sinnfragen und Solidarität hoch im Kurs stehen: allerdings nicht in Form dauerhafter Bindung an Organisationen, sondern als eher spontanes Engagement.

Der Wunsch nach Ungebundenheit und Individualität widerspricht jedoch dem "Pflicht"-Charakter der kirchlichen Strukturen: So nimmt der Kirchenbesuch stetig ab, aber die Wallfahrten und Großereignisse wie die Jugendkirchentage in Tor Vergata und Paris boomen.

Nicht die inhaltliche Anpassung an den Zeitgeist, die Verwandlung von Religion in Entertainment sind gefragt - aber eine Öffnung gegenüber vielfältigeren Vermittlungswegen der "einen Botschaft".

2. Macht der Medien: Eine CD-Serie, eine Enzyklika im Internet, die allgegenwärtigen Bilder des Leidensweges - all das spricht dafür, dass der Papst wie keiner vor ihm die Bedeutung der Medien erkannt hatte. "Wie viele Divisionen hat der Papst?", lautete die berüchtigte Frage Stalins.

Die heutige Antwort wäre: Wirksamkeit ist nicht eine Frage der Divisionen, sondern der Television. So darf man sich nicht darüber wundern, dass die meistgesehene Person im TV weltweit der Fernsehpastor Robert Schuller ist, Erfinder der "Drive-in"-Kirche und der "Crystal Cathedral": Sein sonntäglicher TV-Gottesdienst verkündet seit 1970 Motivationsbotschaften an eine 30-Millionen-Gemeinde in 184 Ländern.

3. Emotionale Gemeinschaften: Vier Millionen pilgerten zum Begräbnis, über eine Milliarde verfolgten es live, 200 Staatsgäste aus 138 Ländern und 2400 Würdenträger der Weltreligionen nahmen teil. Die Wirkung realer Präsenz und persönlicher Aura hat Johannes Paul II. durch seine über 100 Reisen vermittelt. Die tiefe Sehnsucht nach persönlicher Wärme, Emotion, Gruppenzugehörigkeit nimmt zu, wie auch die Hysterie beim Begräbnis von Lady Di und beim "Amma"-Festival beweisen - Großereignisse werden zunehmend zu begehrten Fluchtorten für emotional "ausgehungerte" Menschen in einer virtualisierten Welt.

4. Person vor Institution: Zwar gelang es dem Papst, als Inkarnation charismatischer Führung Menschen über alle National-, Alters-, Klassen- und Kulturgrenzen hinweg für sich zu gewinnen; auch die Einnahmen aus dem "Peterspfennig", den die Gläubigen direkt für den Papst leisten, versechsfachte er auf 55,8 Mio. Dollar; doch seine Popularität schlug sich nicht auf die Institution nieder. Mit fast 50.000 Kirchenaustritten allein in Österreich wurde 2004 ein Nachkriegsrekord erreicht. Kaum besuchte Gotteshäuser sind Indizien dafür, dass der Graben zwischen den Antworten der (Amts-)Kirche und den Sinnfragen der Gläubigen immer größer wird. Das schlägt sich in der Wirkens-und Wirtschaftskraft der Kirche schmerzhaft nieder: Der "Multi", der fünf Mrd. Dollar verwaltet und eine Milliarde Gläubige erreicht, verzeichnete zuletzt 9,6 Mio. Euro Verlust.

Angesichts allgegenwärtiger Veränderungsimperative zeigte der Papst, dass Aufrichtigkeit und Eigensinnigkeit seine Autorität speisten, zumal sein Glaube an die Wahrheit der eigenen Überzeugung immer gepaart war mit Bemühen um Verständigung mit Andersdenkenden. In seinen gelebten Paradoxien hat er gezeigt: Nur wer ewige Werte glaubwürdig vertritt, aber neu "verpackt" und damit für die Heutigen relevant macht, erhält sie als Werte für die Zukunft. Nur wer modern ist, schafft Ewigkeit.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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