Blick zurück nach vorne

17. Mai 2005, 20:54
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Der "Krone"-Boss sieht 2016 aus wie Robert de Niro im Jahre 1986, nur ohne Warzen ...

Die Zeitschrift "extradienst", Fachblatt für Merkwürdigkeiten aus der meist von Gurus bevölkerten Medienbranche, lieferte in der April-Nummer neben der Aufforderung Wenn Sie wissen wollen, wie die Rache schmeckt, dann lecken Sie uns einmal am Cover nicht nur die originelle Version eines berühmten Zitates, sondern unter dem Titel Blick zurück nach vorne auch Rechenschaft von einem über zwei Jahrzehnte laufenden Großprojekt, einer Fotosafari durch die heimische Zeitungs- und Werbelandschaft, bei der es um Folgendes geht: Im Jahr 1996 ließ ExtraDienst zehn Branchengurus in der Paintbox um zwanzig Jahre altern. War das grafische Spiel prophetisch? Ein Zwischenbericht darüber, wie sie damals aussahen, wie wir sie uns 2016 vorstellten - und wie sie heute aussehen.

Um die Frage, ob das grafische Spiel prophetisch war, beantworten zu können, mussten die Leser nicht einmal an den Gurus lecken, es genügte schon, sich in den Anblick der Hinfälligkeit menschlicher Existenzen zu versenken, um der Story keinerlei tieferen Sinn abzugewinnen als den einer mehr oder minder dezenten Schmeichelei. Von den zehn Gurus, die der "extradienst" seinerzeit um zwanzig Jahre altern ließ, werden im Jahre 2016 dank der Paintbox, auf deren Unbestechlichkeit Verlass ist, neun erkennbar, aber in Würde gealtert sein.

Nur bei einem spielte die Paintbox der Natur in ihrem Lauf einen seltsamen Streich: Hans Dichand wird im Jahre 2016 wesentlich knuspriger aussehen als er im Jahre 1996 ausgesehen hat, von heute gar nicht zu reden. So gut hat er überhaupt noch nie ausgesehen. Das Haar dicht und zurückgekämmt, grau nur an den Schläfen, das Gesicht fast gänzlich faltenfrei, kurz: Der "Krone"-Boss sieht 2016 aus wie Robert de Niro im Jahre 1986, nur ohne Warzen.

Keine guten Aussichten für die WAZ! Und Sohn Christoph wird schon lange in der Rente sein, wenn der Vater noch immer mit runderneuertem journalistischem Pflichtgefühl das Playgirl des Tages auswählt. Aber dieser biologische Rückwärtsgang eines Branchengurus ist weder eine Laune der Paintbox noch der Natur. Der schon gar nicht. Der "extradienst" erklärt es uns: Bei Hans Dichand gingen wir davon aus, dass sein Reichtum ihm es ermöglichen würde, bis 2016 eine Frischzellenkur-Generalüberholung durchzuführen, die ihn um 30 Jahre verjüngen sollte.

Das Vertrauen des Branchenblattes in die Zahlungsfähigkeit Dichands scheint nicht besonders groß zu sein. Viele hätten geschätzt, dass sein Reichtum ihm es ermöglichen würde, lange vor 2016 eine Frischzellen-Generalüberholung durchzuführen, die ihn - wenn schon - locker um 50 Jahre verjüngen sollte. Noch einmal die schönen Zeiten mit Franz Olah, mit Kurt Falk und der Judenserie, mit Staberls noblen Kolumnen nachempfinden! Der heroisch zurückgeschlagene Angriff des ÖGB auf die "Krone"! - Und alles unbeschwert von lästigen deutschen Teilhabern. O süßer Vogel Jugend!

Ob Hans Dichand diesen Extradienst an seiner Person aufgreift und den Rat befolgt? In einem Land, dessen Politiker ihm zu Füßen liegen, hätte es einiges für sich. So vieles gäbe es noch, was sein Reichtum ihm ermöglichen würde, wie ein Beispiel aus diesen Tagen zeigt. So wird ihm die Heinrich-Treichl-Stiftung des Roten Kreuzes demnächst ihren "Humanitätspreis" verleihen. Den bekommt man nicht für nichts, da muss die Frischzellen-Generalüberholung halt noch ein wenig warten. Aber: späte Gerechtigkeit!

Keinen Preis hat er sich ehrlicher verdient als einen Humanitätspreis, ein ständiger Mahner gegen Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit. Wie oft forderte sein Zentralorgan für einen bodenständigen Humanismus, Menschen dunkler Hautfarbe so rasch wie möglich abzuschieben, ja besser gar nicht nach Österreich zu lassen, um ihre Unschuld vor den Gefahren des Drogendeals zu schützen. Standen Polizisten auf einem Delinquenten, war sein Blatt das erste, den zutiefst humanen Grund eines solchen Reanimationsversuches zu erkennen und zu würdigen. Kritische Künstler wie Elfriede Jelinek erfreuen sich unter dem Schirm seiner Toleranz eines die Schaffenskraft belebenden Klimas.

Bei diesem Humanitätspreis kann es nicht bleiben. Sollte es doch nicht so bald zur Frischzellen-Generalüberholung kommen, ist möglicherweise etwas Eile geboten. Daher ein Blick zurück nach vorne. Folgende rasche Ehrungen wären noch der geringste Dank an den großen Humanisten: Friedensnobelpreis (sowieso), Literaturnobelpreis (für seine Werke als Cato), Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (für seine Memoiren), eventuell mit Eichenlaub und Schwertern (für die saubere Aufarbeitung seiner Kriegszeit in denselben), Tierschutz-Erinnerungsmedaille, Großkreuz des Presserates (posthum) für Verdienste um die Meinungsvielfalt, offizielle Zusicherung eines Staatsbegräbnisses samt Familienehrengrab auf dem Heldenplatz.

Die Heiligsprechung zu Lebzeiten ließe sich gewiss problemlos deichseln - bei diesem Kolumnisten in der Sonntags-"Krone"! (DER STANDARD; Printausgabe, 16./17.4.2005)

Von Günter Traxler
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