Fußball-Italien streitet um Null Toleranz

11. Juli 2005, 15:09
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Verbands-Chef und Liga-Vize uneins über Konsequenzen aus abgebrochenem Mailand-Derby - Katzenjammer bei Inter

Mailand - Mit einer bereits wieder umstrittenen Null-Toleranz-Aktion reagiert der italienische Fußball auf das Mailänder Skandal-Derby in der Champions League Inter - Milan. "Ab Freitag werden alle Spiele beim ersten Feuerwerkskörper auf dem Rasen abgebrochen und mit 3:0 gegen die Heimmannschaft gewertet", kündigte Verbandspräsident Franco Carraro an.

Liga-Vizepräsident Maurizio Zamparini kritisierte dies als "unsinnigen" Schnellschuss, weil Spielabbrüche so von gegnerischen Fans noch leichter provoziert werden könnten, und rief die Politik um Hilfe. "Mittlerweile müssen wir noch Schlimmeres befürchten. Wir sind zu drastischen Maßnahmen bereit", erklärte Ministerpräsident Silvio Berlusconi, gleichzeitig Besitzer des AC Milan.

Katzenjammer bei Inter

Nach der "Schande von San Siro" entschuldigte sich Inter unentwegt, während es mit größten Befürchtungen auf das Urteil der UEFA-Disziplinarkommission am Freitagnachmittag in Nyon wartete. "In den vergangenen Jahren sind schreckliche Dinge passiert, aber das war das Schlimmste", machte UEFA-Sprecher William Gaillard klar, dass Inter mit einer harten Strafe zu rechnen hat. "Inter fürchtet ein Jahr Sperre", berichtete die "La Repubblica".

Inter-Trainer Roberto Mancini stellte mittlerweile klar, dass er dem deutschen Schiedsrichter "Merk keinesfalls die Schuld für die Ausschreitungen geben wollte". Er sei im Eifer des Gefechts nach dem Spielabbruch missverstanden worden. Als Merk den Ausgleichtreffer durch Esteban Cambiasso wegen eines Foulspiels in der 71. Minute nicht anerkannte, ging innerhalb von Sekunden ein Bombardement aus Feuerwerkskörpern und Flaschen auf den Milan-Strafraum nieder. Tormann Dida brach, von einer Rakete an der Schulter getroffen, zusammen. Merk unterbrach die Partie daraufhin für mehr als 20 Minuten. Wenige Sekunden nach Wiederanpfiff musste der 43-Jährige das Derby dann endgültig abbrechen.

"Das war ein geplanter terroristischer Akt gegen den Fußball", sagte Deutschlands FIFA-Schiedsrichter Herbert Fandel der "La Gazzetta dello Sport". Auch Mailands Polizeipräfekt Bruno Ferrante geht ebenso wie Merk von einer im Vorfeld geplanten Aktion gewaltbereiter Inter-Fans aus. Als das sportliche Scheitern nach der 0:2-Niederlage im Hinspiel und dem 0:1-Rückstand im Rückspiel absehbar war, habe sich die Wut der frustrierten Inter-Fans gegen den eigenen Verein und dessen Besitzer Massimo Moratti gerichtet.

"Wollten ihn nicht treffen"

Inter-Fan-Klubs bestritten diesen Vorwurf: "Wir entschuldigen uns offiziell bei Dida, wir wollten ihn nicht treffen", erklärte der Fanklub-Chef Franco Carravita. Auch Inter-Besitzer Moratti entschuldigte sich in einem Telefongespräch bei Milans Tormann. Während Inter auf die Ermittlungsergebnisse der Polizei wartet, die bereits vier Randalierer festgenommen hat, blieben von Milans Seite jegliche Vorwürfe aus. Ganz im Gegenteil. "Schließt jetzt nicht die Stadien", forderte der verletzte Dida. "Das ist schade für uns alle", betonte auch Milan-Kapitän Paolo Maldini.

Italien fürchtet nach dem Abbruch in Mailand, den Ausschreitungen beim Champions-League-Spiel zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool sowie den rechtsradikalen Spruchbändern im römischen Olympiastadion um die Chancen seiner Bewerbung für die Europameisterschaft 2012. "Jetzt traut uns die UEFA nicht mehr zu, EM-Gastgeber zu sein", klagte die "La Gazzetta dello Sport" in ihrer Donnerstagausgabe. (APA/dpa)

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    Inter-Trainer Roberto Mancini distanzierte sich von Zitaten, nach denen er Schiedsrichter Markus Merk für die Ausschreitungen verantwortlich gemacht hätte.

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